irak Gefährlich, unfrei, restriktiv

Der Irak wählt. Eine freie Berichterstattung darüber ist so gut wie unmöglich

Im Irak ist derzeit eine kleine Invasion im Gange – die der internationalen Medien. Seit vergangenen Frühsommer gehören auch Entführung und Mord zum irakischen Korrespondentenalltag. Viele Zeitungen und Sendeanstalten haben ihre Irak-Berichterstattung vor Ort eingeschränkt oder beendet. Nun stehen im Irak die ersten Wahlen an seit dem Sturz Saddam Husseins, und viele Reporter kehren zurück - auf Zeit.

Reporter haben im Irak nur wenige Möglichkeiten. Die Berichterstattung über den Krieg, der seit dem Einmarsch 2003 verschiedene Wandlungen durchlaufen hat, ist lückenhaft – in umgekehrter Proportion zu seiner weltpolitischen Bedeutung. Über das, was sich tatsächlich in Irak abspielt, weiß die Weltöffentlichkeit nicht viel.

Das liegt vor allem daran, dass der Irakkrieg ein außergewöhnlicher Krieg ist. Einer, der keine eindeutigen Fronten mehr hat. Wo bis auf die berühmte „Grüne Zone“, einer Hand voll stark gesicherter Hotels und stützpunktartiger Vertretungen, ganze Stadtteile, Landstriche und Verbindungsstraßen zur „No Go Area“ geworden sind. Wo eine schillernde „Aufstandsbewegung“ gnadenlos Journalisten – bei weitem nicht nur westliche – verfolgt. Wo auch die faktische Besatzungsmacht USA mitunter wenig Rücksicht nimmt, wenn Berichterstatter nicht „eingebettet“ sind. Laut dem New Yorker „Komitee für den Schutz von Journalisten“ kamen im letzten Jahr 23 Journalisten und 16 so genannte „media worker“ wie Fahrer, Übersetzer oder Kontaktleute ums Leben – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

David Schlesinger, stellvertretender Chefredakteur der Agentur Reuters, die bereits drei Reporter durch Beschuss von US-Truppen verloren hat, fasste kürzlich die Haltung des Pentagon gegenüber Reportern im Krisengebiet zusammen: „Entweder man ist ‚eingebettet‘ beziehungsweise hat zumindest die gleiche Nationalität wie die Koalitionstruppen, oder man hat Pech gehabt.“ Dass die „Aufstandsbewegung“, der angesichts der weltweiten Kritik am amerikanischen Vorgehen nach der internationalen Medienlogik ein gewisses Maß an heimlicher oder offener Sympathie sicher wäre, Journalisten angreift, ist ein Anzeichen für das Ausmaß von Chaos im Land.

Die extrem gefährliche Arbeitssituation für Irak-Reporter ist bekannt. Spätestens seit der berühmt gewordenen, privaten E-Mail der Nahost-Korrespondentin des „Wall Street Journal“, Farnaz Fassihi, die eindrucksvoll die unmöglichen Bedingungen für eine freie internationale Berichterstattung schilderte. (Bei der öffentlichen Diskussion darüber, die vor dem Hintergrund des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs stattfand, ging es aber vornehmlich um die in Frage gestellte Unvoreingenommenheit der Reporterin.)

Die Lage für Journalisten hat sich noch weiter verschlechtert. Die meisten betreiben „Hoteljournalismus“. Sie verlassen kaum noch ihre Zimmer, und wenn, dann nur in gepanzerten Fahrzeugen und in Begleitung schwer bewaffneter Leibwächter. Für Recherchen vor Ort oder das Nachprüfen von Meldungen ist das Risiko meist zu hoch. Als so genannte „unilaterals“ auf eigene Faust loszuziehen, wagen nur noch Wenige. Irakische Helfer westlicher Journalisten sind vor den Wahlen massiv eingeschüchtert und mit dem Tod bedroht worden. Das Misstrauen wächst.

Die Alternative ist „eingebettete Berichterstattung“: Journalismus unter dem Schutz und in Begleitung der kämpfenden Truppen, zu deren Konditionen. Mittlerweile ist das vereinzelt auch bei verschiedenen Gruppen der „Aufstandsbewegung“ möglich. Natürlich können Korrespondenten so nur einen winzigen Ausschnitt abbilden – oft mit soldatischem Blickwinkel. Dabei verfahren amerikanisches und britisches Militär – tatsächlich heute die einzigen, die internationalen Journalisten ein gewisses Maß an Sicherheit bieten können – unterschiedlich.

Die britische Armee hat mit „eingebetteter Berichterstattung“ so ihre Probleme. Colonel Paul Brook, im Verteidigungsministerium für „Media Operation Plans“ zuständig, sprach jüngst auf einer Londoner Diskussionsveranstaltung von einer„ziemlich schlechten Art, Journalismus zu betreiben“. Man würde den Reportern gern größere Bewegungsfreiheit geben, aber die gegenwärtige Lage biete keine Alternative. Dagegen beklagen sich britische Korrespondenten darüber, dass Medienoffiziere Kontakte mit einfachen Soldaten behinderten.

Anders das US-Militär: Dort gilt „eingebetteter Journalismus“ als erfolgreiche Neuerung. Interviews mit Soldaten unterliegen keinen Beschränkungen. Laut der Fernsehreporterin Lindsey Hilsum, die für den britischen Channel 4 während des brutalen Kampfs um Falludscha im November eine Einheit der US-Marines begleitete, sind die amerikanischen Streitkräfte „auf einer höheren Ebene“ so von der „Richtigkeit ihrer Mission“ überzeugt, dass sie sich darum nicht sorgten. Nur zwei Regeln gälten, Einsatzplan und Position der Einheit nicht zu verraten – was oft unabsichtlich passiert – und keine amerikanischen Toten oder Verletzten zu zeigen, „aus Rücksicht auf die Angehörigen“.

Der sich von selbst entwickelnde Druck auf „eingebettete“ Journalisten zu konformer und freundlicher Berichterstattung ist hoch. Den amerikanischen Medienbeobachtern von Editor & Publisher fiel beispielsweise auf, dass US-Truppen begleitende, ausländische Journalisten viel eher von unverhältnismäßiger Gewaltanwendung und verbalen Entgleisungen amerikanischer Soldaten berichteten als amerikanische „embeds“, die auch die „Heimatfront“ im Kopf haben.

Vor dem Krieg und während des Einmarsches versahen viele Zeitungen und Rundfunkanstalten Berichte ihrer Korrespondenten mit dem Hinweis, sie seien unter unfreien, restriktiven Bedingungen entstanden. Eigentlich gehört eine solche Warnung heute auf fast jeden Bericht aus dem Irak.

 
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