Bei den ersten weitgehend freien Wahlen seit mehr als 50 Jahren waren die Iraker am Sonntag dazu aufgerufen, die 275 Abgeordneten ihrer Nationalversammlung zu bestimmen. Zudem sollte über die Zusammensetzung der 18 Provinz- sowie des kurdischen Regionalparlaments abgestimmt werden. Und trotz Terrordrohungen und eines Boykottaufrufs der Sunniten haben acht der 14,2 Millionen zur Wahl aufgerufenen Iraker gestern dieses Übergangsparlament gewählt. Die zentrale Wahlkommission schätzte die Beteiligung auf über 60 Prozent - weit mehr als Regierungsvertreter in den vergangenen Tagen angesichts des täglichen Terrors vorhergesagt hatten.

In den Städten mit schiitischer Bevölkerung und im kurdischen Norden bildeten sich vor den Wahllokalen zum Teil Warteschlangen. Wahlhelfer mussten dabei die Wähler nach Waffen und Sprengstoff absuchen. In Nadjaf sollen etwa 80 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl gegangen sein. Schiitische Religionsgelehrte hatten zuvor die Teilnahme an den Wahlen zur religiösen Pflicht erklärt.
Lediglich in den irakischen Städten des so genannten sunnitischen Dreiecks blieb die Wahlbeteiligung wie erwartet sehr niedrig. So waren die Wahllokale in der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Bedschi völlig leer. In der nördlichen Provinz Salaheddin mit der Hauptstadt Tikrit betrug die Wahlbeteiligung nach Angaben der örtlichen Wahlkommission 26,4 Prozent.

International wurde die Wahl mit großer Zufriedenheit aufgenommen. Der EU- Außenministerrat betonte heute in Brüssel, dass die Wahlbeteiligung ein wichtiger "Schritt auf dem Weg des demokratischen Übergangsprozesses im Irak" sei. Die Iraker hätten "Mut, Begeisterung und Entschlossenheit trotz einer schwierigen Sicherheitslage gezeigt". Die EU sicherte dem Irak weitere Hilfe zu. George W. Bush erklärte, in großer Zahl und unter großem Risiko hätten die Iraker ein Bekenntnis für die Demokratie abgelegt. Dies sei ein durchschlagender Erfolg. Der britische Premierminister Tony Blair erklärte, die starke Wahlbeteiligung sei ein "Schlag ins Gesicht des weltweiten Terrorismus". UN-Generalsekretär Kofi Annan würdigte "den Mut des irakischen Volkes", das "trotz erheblicher Gefahren in großer Zahl sein Wahlrecht ausgeübt" habe. Nun sei die Zeit für eine "Versöhnung zwischen allen Seiten" im Irak gekommen, erklärte Annan. Die Bundesregierung sprach von einer "wichtigen Etappe auf dem Weg zum Aufbau demokratischer Strukturen". Und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer nannte die Wahlen einen Meilenstein, wenngleich auch noch ein langer Weg zu bewältigen sei. Die Nato wolle nun die Ausbildung von irakischen Sicherheitskräften verstärken.

Allerdings gab es auch am Wahltag Unruhen und Anschläge. Aus Ramadi und dem Süden der einstigen Rebellenhochburg Falludscha, in der laut Al-Arabija nur wenige Tausend Iraker ihre Stimme abgaben, wurden Kämpfe gemeldet. Über 30 Menschen starben bei Attentaten am Wahltag.
Mit der Auszählung der Stimmen wurde am Abend begonnen, mit Ergebnissen wird frühestens in einer Woche gerechnet.