Niemanden sollte es irritieren, dass George W. Bush nach der irakischen Wahl schon wieder einen Sieg ausruft. Der amerikanische Präsident ist nach einer Serie ebenso extravaganter wie tödlicher Fehlentscheidungen erleichtert, dass an der ersten freien Abstimmung im Irak nach Saddam Hussein vom vergangenen Sonntag die meisten wahlberechtigten Iraker teilgenommen haben. In diesem Fall darf die Welt mit Bush erleichtert sein. Die Drohung der Terroristen und Aufständischen, jeden Wähler samt Wahllokal in die Luft zu jagen, hat offenbar nur eine Minderheit beeindruckt. Die Mehrheit der Iraker setzte ihr Leben aufs Spiel, um in geheimer und freier Wahl eine Nationalversammlung zu wählen.

Was bedeutet das für den Irak, für seine Nachbarn?

Zum ersten Mal seit den weiland von den Briten frisierten Wahlen im Irak der dreißiger Jahre haben die Iraker halbwegs frei ein Parlament bestimmt. Sie zeigen, dass ihnen der Zusammenhalt des zerrissenen Landes als ein Staat und die Bestimmung einer handlungsfähigen Regierung wichtiger sind als noch einmal zu demonstrieren, wie gedemütigt sich viele Iraker durch die amerikanische Invasion fühlen. Sie haben ein Gespür für Prioritäten entwickelt. Als die Bewohner eines großen arabischen Landes haben sie eine Wahl zustande gebracht, von denen die Nachbarn Syrien, Saudi-Arabien und, weiter im Westen, Ägypten bislang nur träumen können. Die Iraker folgen den Experimenten der kleinen Golfstaaten, Kuweit, Bahrein oder Qatar, die in den vergangenen Jahren Parlamente frei gewählt haben.

Dennoch ist und bleibt der Irak ein Ausnahmefall. Diese Wahl hat im Krieg stattgefunden, in einem Krieg, der seit März 2003 anhält. Denn die Amerikaner haben die Saddamisten und ihre terroristischen Verbündeten in Wirklichkeit nie besiegt. Die Saddamisten haben sie nur tief ins Land eindringen lassen, um sie nun auf lange Sicht zu zermürben. Das ist eine Kriegstaktik, welche die Region noch aus der Antike kennt. Mit der Wahl haben die Amerikaner und die von ihnen eingesetzte Regierung eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg. Was muss geschehen, damit die friedliche Mehrheit der Iraker, mit ihnen die Amerikaner und mit diesen die ganze Welt den Krieg gewinnen?

1. Die Wahl darf keinen klaren Wahlsieger haben. Die meisten irakischen Schiiten haben gewählt, die meisten Sunniten dagegen nicht. Das ist eine gefährliche Schieflage, denn die Sunniten, die seit der Gründung des Iraks die Macht in der Hand hielten, könnten nun geneigt sein, den Verlust der Vorherrschaft an die bevölkerungsreichen Schiiten durch Boykott, Gewalt und Terror auszugleichen. Deshalb wäre es unklug, würden die schiitischen Parteien nach Auszählung der Stimmen nach einer überwältigenden Machtposition streben. In einer Koalitionsregierung mit sunnitischen und kurdischen Parteien werden sie ihre Interessen langfristig besser durchsetzen können.

2. Wichtige irakische Städte wie Mossul, Kirkuk, Bagdad und Basra sollten nicht unter die Herrschaft einer ethnischen Gruppe geraten. Besonders groß ist die Gefahr in Kirkuk, wo die Kurden nach den Jahren brutaler Arabisierung nun nach Ausgleich, manche aber nach schierer Rache dürsten und die Stadt für die Region Kurdistan reklamieren. Soll Irak langfristig als ein Staat bestehen bleiben, müssen die wichtigen Städte von Repräsentanten aller Bevölkerungsgruppen regiert werden. Jede große Stadt ein kleiner Irak: so könnte der mesopotamische Flickenteppich zusammen halten.

3. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für einen schnellen Abzug der amerikanischen Truppen. Während in den kommenden Monaten die irakische Nationalversammlung eine neue Regierung bestimmt, eine Verfassung entwirft und die Zukunft des Landes umreißt, wird der Krieg weiter gehen. Schließlich haben Saddamisten und Bin-Ladisten nicht an der Wahl teilgenommen. Es wird noch lange dauern, bis die irakische Armee in der Lage ist, dieser teuflischen Koalition aus eigener Kraft Paroli zu bieten. Solange sie das nicht kann, wird die Anwesenheit der Amerikaner nötig sein, damit das Experiment Demokratie gegen seine Feinde geschützt wird.