Horst Köhler hat eine eindrucksvolle Rede in der Knesset gehalten. Der deutsche Präsident wirkte authentisch, als er emotionsgeladen von seinem schwierigen Besuch vorige Woche in Auschwitz erzählte. Dabei hätten ausgerechnet die anwesenden Überlebenden ihm, dem Deutschen, zur Seite gestanden. Er verneige sich vor den Opfern, sagte er und beteuerte, dass die Verantwortung für die Schoah Teil der deutschen Identität sei. Das sind klare und einfache Sätze, die aus dem Herzen gesprochen klangen. Deshalb berührten sie auch die anwesenden Gäste. Unter ihnen viele ehemalige Deutsche, die genau dem Klang seiner Worte lauschten. Köhler konnte sie von seiner Ehrlichkeit überzeugen.

Ohne in Pathos zu verfallen drückte Köhler auch sein Mitgefühl für die Menschen in Israel aus, die unter der Bedrohung von Terror leben müssen. Von der Gefahr, die von Kassam-Raketen ausgeht, hatte er sich nur wenige Stunden zuvor selbst noch in Sderot überzeugt. Diese Stippvisite war in letzter Minute noch dem Programm hinzugefügt worden. Sie tat den Israelis gut, die sich gerade in Europa oft unverstanden fühlen. Dass Köhler auch betonte, dass Selbstmordattentate durch nichts zu entschuldigen seien, war wie Balsam auf verwundete Seelen.

Auch vierzig Jahre nach der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen bleibt das deutsch-israelische Verhältnis vielschichtig. Wie könnte es auch anders sein! Doch die Kontakte auf vielfachen Ebenen sind inzwischen fast selbstverständlich geworden. Neben wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Kooperation gibt es Städtepartnerschaften, Jugendaustausch, intensive Kontakte zwischen Gewerkschaften und Abgeordnetengruppen. Und kaum einer stört sich heute mehr in Jerusalem, wenn dort zum Staatsbesuch die deutsche Fahne neben der israelischen flattert.

Köhler ist mittlerweile der vierte deutsche Präsident, der Israel besucht. Sein Vorgänger Rau hatte als erster auf Deutsch in der Knesset gesprochen. Die ersten Sätze formulierte Köhler auf hebräisch, dann ging er in seine Muttersprache über. Dass deshalb einige wenige Parlamentarier aus Protest ferngeblieben waren, hielt Josef Lapid, einer der letzten Überlebenden in der Knesset, für überholt. Es sei an der Zeit, vieles zu überdenken, was mit der deutschen Sprache zu tun habe - ohne zu vergessen. Nicht die Sprache sei schuldig, sagte Lapid, sondern die Menschen, die die Verbrechen begangen hätten. Dann erinnerte der Oppositionschef an die große Kälte und den Hunger, unter dem er als Dreizehnjähriger im Ghetto von Budapest bis zur Befreiung durch die Rote Armee gelitten hatte. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte: In sechzig Jahren wirst du den deutschen Präsidenten im israelischen Parlament begrüßen, ich hätte es nicht geglaubt.“

Gerade weil die deutsch-israelischen Beziehungen so belastet sind, besteht die Gefahr, dass sich Redner bei offiziellen Anlässen an Phrasen festhalten. Köhlers Auftritt in der Knesset hingegen war erfrischend authentisch.