Nichts vom Fußball. Der war meine Sache nie gewesen - weil uns in unserer Internatszeit nur Hockey und Handball als Feldspiele erlaubt waren. (Etwa weil der Fußball proletarisch war?)

Aber etwas zu den Schiedsrichtern! Das galt uns damals als höchster Ausdruck sportlicher Selbstdisziplin (und sie wurde eingefordert), den Entscheid eines Schiedsrichters ohne jedes Murren und Zögern hinzunehmen - und unbeleidigt weiterzuspielen, auch wenn man glaubte, gute Gründe zum Widerspruch zu haben. Das Gegenstück zu dieser eisernen Selbstdisziplin, der man freilich im geübten Zustande das Eiserne niemals ansehen durfte, war die absolute Fairness und Objektivität des Schiedsrichters. Objektiv: Das hieß nicht etwa absolut fehlerfrei, sondern der subjektiv absolute - also der eiserne - Wille zur Objektivität. Und weil man wusste, dass der Schiedsrichter wirklich keine Fehler machen wollte, honorierte man dies durch das wortlose Akzeptieren von Fehlern, die ihm - möglicherweise - doch unterliefen.

Hinter all dem steckte natürlich - wie bei manchen deutschen Internaten - eine Anleihe beim britischen Erziehungsideal des gentleman . Mir ist dieses Ideal einmal, wenn ich das hier einflechten darf, episodisch konkret geworden in folgender kleinen Szene, zu deren Zeit ich wohl ein Quintaner war, wenn die Heutigen noch wissen, welche Klassenstufe das war. Ein von den britischen Inseln stammender Lehrer, Mr. Atkinson war sein mir unvergesslicher Name, besaß einen für uns staunenswerten Kraftwagen der Marke Wolsley - das waren die, deren Firmenlogo auf dem Kühler in der Dunkelheit von innen beleuchtet wurde. Mr. Atkinson murkste also bei geöffneter Haube und laufendem Motor irgendwo an einem Aggregat herum - und ich als neugieriger Knabe hielt, nur mal eben so, meine Handfläche vor den Ansaugstutzen des Luftfilters. Prompt blieb der Motor stehen. Aber anstelle des Donnerwetters, das ich von Mr. Atkinson als durchaus verdient erwartete, verzog der - eben dadurch, dass er so tat, als habe er nichts bemerkt, mir signalisierend, dass er alles sehr wohl bemerkt habe, aber eben auf solches Ungemach nur wie ein gentleman zu reagieren entschlossen sei - nicht einmal eine Lippe. Das eben war die britische stiff upper lip , die ein Kontinentaleuropäer irgendwie nicht hinbekommt. Donnerwetter, dachte ich mir.

Und genau das wurde von uns im Umgang mit Schiedsrichtern erwartet - ungerührtes Hinnehmen von Entscheidungen als Ausdruck der Sportlichkeit. Sport hatte zwei Dimensionen - die eine war die des Sports selber, die also der Körperertüchtigung, heute Fitness genannt; die andere jene der Charakterertüchtigung, als Sportlichkeit bezeichnet. Anstelle der Sportlichkeit als einer bestimmten sozialen Tugend ist heute wohl das individuelle Wohlbefinden getreten, Wellness genannt.

Ob der jüngste Schiedsrichterskandal wohl das Ideal des gentleman endgültig ruiniert? Eher verhält sich die Sache umgekehrt: Weil das Erziehungsidol des gentleman endgültig verblasst ist (es stammte allerdings aus einer Zeit und Klasse, in der der maximale Erwerb und eine bis über die Grenze der Legalität maximierte Erwerbsarbeit noch nicht im Vordergrund standen), braucht man auch keine Schiedsrichter des alten Schlages und keine antiquierte Sportlichkeit mehr. Jetzt gilt nur noch der allgemeine Verdacht: Warum soll es in aller Welt, in der alle Bereiche von der Korruption - und von kleinen Mitnahmemöglichkeiten - angefressen sind, noch irgendeine Zone geben, in der es immer und absolut sauber zugeht? Mit diesem Verdacht müssen wir halt leben - mit einer stiff upper lip .