Hirnforschung Es war einmal irgendwas. Nur was?
Ein Historiker will von der Hirnforschung lernen, was das Gedächtnis kann. Doch er zeigt vor allem, was ein Historiker kann
Irgendwie hängt diese Wolke, die sich eben im Wind auflöste, mit jener Frau zusammen, die der Mann im Arm hielt. Aber wie? Es war wohl September. Es geschah wohl unter einem Pflaumenbaum. Irgendwie lässt sich die Erinnerung, die nach dieser Liebe sucht, von Spur zu Spur leiten. Der Ort, der Blick in den Himmel, die Geräusche, ein Gefühl, woraus bestand damals die Erfahrung? Was ruft die Erinnerung wach, was festigt sie? Die Sinne? Die Worte? Ein Laut? Die Frau hieß Marie A., das scheint sicher.
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Brechts frühes Gedicht Erinnerung an die Marie A., das mehr von der Ungewissheit des Erinnerns, von der Faszination einer gedächtnisstimulierenden Wolke als von einer Liebeserfahrung spricht, bringt zur Darstellung, was jetzt den renommierten Frankfurter Historiker Johannes Fried dazu veranlasste, seine Grundzüge einer historischen Memorik zu erarbeiten: die Irritation über die Unsicherheit des menschlichen Gedächtnisses nämlich.
Denn die jeweilige Gegenwart des Erinnerns ist derart mächtig, dass sie die Vergangenheiten zwingt, sich ihr anzupassen, und dies chamäleonhaft stets von neuem. »Alles, was sich bloß der Erinnerung verdankt, hat prinzipiell als falsch zu gelten«, stellt Fried in seinem Buch Der Schleier der Erinnerung kategorisch fest. Auch »Falsches« aber kann sich machtvoll historisch auswirken. Daraus folgert Fried, dass die Geschichtswissenschaft, die Expertin für Vergangenheit, sich künftig eingehend der Kritik des Gedächtnisses widmen müsse.
Das wäre viel. Doch Fried geht es um noch mehr. Sein Interesse an den Hebammen und Regenten der Erinnerung ist inspiriert durch die Kenntnisse der Kognitions- und Neurowissenschaften. Er hat sich durch eine Bibliothek von neueren Forschungen der Neurophysiologie, Verhaltensforschung, Kognitionspsychologie gearbeitet und präsentiert im Mittelteil seines Buchs die Funde, quer durch die Evolution und die Lebewesen. Er will nach der Natur in der Kultur suchen, die »natürliche« Seite des Gedächtnisses ernst nehmen – die Tatsache nämlich, dass Sinneseindrücke bei der Ausprägung des Gedächtnisses das erste Wort haben und dass die Arbeitsweise des Gehirns die Formung von Eindrücken bestimmt. So soll die Geschichtswissenschaft auf den Kopf, aufs Gehirn gestellt werden.
Hat die grassierende wissenschaftliche Modekrankheit, alles neurologisch zu grundieren, auch Fried angesteckt? Es ist zumindest, als habe der Mann sich, bevor er sich an die Arbeit an diesem Buch machte, gleich zweifach ausgiebig geärgert: zum einen über die eigene Zunft, die mit Gedächtnis, Erinnern und Vergessen umgeht, ohne sich von den Naturwissenschaften darüber belehren zu lassen, wie das Gedächtnis arbeitet. Zum anderen aber auch über die Neurowissenschaftler, die mit dem Selbstbewusstsein der gegenwärtig machtvollsten Disziplin die Geisteswissenschaftler gern als überholt, jedenfalls sekundär betrachten.
Spekulation? Kein Wort verliert Fried über solchen Ärger. Aber ob nun absichtlich oder nicht: Fried führt mit diesem Buch beiden Fraktionen Kunststücke vor. So entstand ein abenteuerlich belesener und lesenswerter Vorschlag, die Geschichtswissenschaft methodisch zu erneuern. Doch er überzeugt schließlich nicht. Denn so weiterführend die Öffnung zu anderen Wissenschaften auch ist – fast alles, was Fried hier zutage fördert, kann eine skeptische Geschichtswissenschaft auch ohne die Kenntnisse der Hirnforschung herauskriegen.
Fried, einer der seltenen Meister wissenschaftlicher Prosa, untersucht mit der Gründlichkeit des Botanikers die trügerischen Landschaften der historischen Quellen und findet Exemplare, die Brechts poetisch gestaltete Ungewissheit weit überbieten: etwa das legendäre Gespräch zwischen den Kernphysikern Niels Bohr und Werner Heisenberg in Kopenhagen über die deutsche Beteiligung an der Entwicklung von Atomwaffen im Zweiten Weltkrieg. Oder ist das schon zu präzise wiedergegeben? Denn für Fried ergibt seine quellenkritische Untersuchung der Erinnerungen Bohrs und Heisenbergs »ein desolates Bild«: Es zeigt ein Treffen »zu unbestimmbarer Zeit an unbestimmbarem Ort unter unbestimmbaren Umständen und mit unbestimmbarem Inhalt«.
Funde wie diese – und Fried trägt sie abgründig köstlich vor wie ein Oliver Sacks seine neurologischen Fallgeschichten – böten nun einen hinreichenden Grund, über die traditionelle Kritik der Quellen hinaus an der Kritik des Gedächtnisses methodisch zu feilen. Dies gilt umso mehr für Quellenbestände, die von vorwiegend mündlich geprägten Kulturen wie der des Mittelalters, Frieds Spezialgebiet, zeugen. Doch der Mediävist nimmt seine Fallgeschichten auch aus der schriftlich rationalisierten jüngsten Vergangenheit. Selbst in ausgeprägten Schriftkulturen mit all ihren Institutionen, Bürokratien und Archiven ist der Faktor der Unsicherheit des Gedächtnisses beträchtlich – jedenfalls wenn man, wie Fried, die Quellen persönlich gefärbter Erinnerung herausgreift.
Ludwig II. von Bayern ist tot. Alles Genauere zerfließt in der Erinnerung
Wie kommt es etwa, fragt er, dass der Philosoph Karl Löwith sich im Detail an die Münchner Vorlesung Max Webers über Wissenschaft als Beruf erinnert, die aber 1917 zu einem Zeitpunkt stattfand, als Löwith nach seiner eigenen Erinnerung noch gar nicht in München studierte, und zwar vor und nicht nach der Ermordung Gustav Landauers, wie Löwith fälschlich meint? Wie kann es sein, dass sich die Erinnerung Philipp zu Eulenburgs, damals Legationssekretär der Preußischen Gesandtschaft in München, an den Tod des bayerischen Königs Ludwig II. permanent derart wandelt, dass von Tatsachen nicht mehr die Rede sein kann? Man müsste die Arbeitsweise ihres Gedächtnisses verstehen. Die seelische, leibliche, soziale Geschichte des erinnernden Subjekts, zumal seiner Kindheit, auch die Analyse der kommunikativen Situationen des Erinnerns, eine Körpergeschichte der Verarbeitung von Sinneseindrücken wären nur ein paar der Bausteine solcher Gedächtniskritik.
Fried fordert sie als notwendige Arbeit von Historikern geradezu refrainhaft ein. Die Forderung ist allerdings so sensationell nicht. Die Gedächtniskritik hat sowohl in der Psychoanalyse wie in der Hermeneutik und in den Philologien eine ertragreiche Tradition. »Das Gedächtnis hat seine Hemmungen«, so pointierte unlängst erst der große französische Hermeneutiker Paul Ricœur sein Spätwerk Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (deutsch im Fink Verlag 2004), »die von Leiden oder vergangener Schuld herrühren, es hat seine Verdrängungen und Widerstände, seine Ängste und sein Leugnen«. Über die individuelle Ausprägung hinaus müsse sich die Forschung diesen Tücken sowohl in der Analyse von sprachlichen Darstellungen wie von Machtmechanismen widmen. »Die Geschichte des Gedächtnisses wird damit in der Verbindung mit einer Soziologie der Ideologien und der Utopien zur Kritik des Gedächtnisses.«
Frieds Liste der Bedingungen, denen das Gedächtnis unterliegt, umfasst ein deutlich breiteres Spektrum, als es der psychoanalytisch gelehrte Blick Ricœurs öffnet. Die Liste der Verformungen reicht vom unvermeidlichen Filtern der Wahrnehmung über die vorfindliche Arbeitsweise des Gehirns, das Vorwissen, mehr oder weniger bewusste Normen und Interessen, die Dichte der Geschehnisse und die emotionale Beteiligung des Zeugen, seine psychische Verfassung bis zu den Verfahren des Verschränkens und Überschreibens von Erinnerungen. Eine Geschichtswissenschaft, die all dem Rechnung tragen will, muss sich mit Fried zunächst von der Offenheit, der Flüchtigkeit und individuellen Färbung des Gedächtnisses überzeugen, um Fehlerinnerungen erkennen zu können.
Doch an dem problematischen Kern des Wechselverhältnisses von Natur und Kultur kommt auch Fried nicht vorbei: Das menschliche Gedächtnis wird durch Umwelt geprägt und betätigt sich seinerseits nicht als Spiegel, sondern als Baumeister. Die biologische Ausstattung des Menschen spielt ihre aktive Rolle, aber sie wird ihrerseits durch äußere Einflüsse geformt. Nur wie sich dies jeweils spezifisch ausprägt, ist strittig.
So bilanziert auch Fried: »Jene physischen Strukturen der neuronalen Netze haben somit, obgleich nicht ausschließlich, so doch nicht zuletzt psychische, soziale und kulturelle Ursachen. Die Neurophysiologie verweist demnach auf eine eigentümliche Interaktion von kulturellen Inputs und neurophysischer Fixierung.« Man könnte auch sagen: Die Neurophysiologie verweist darauf, dass die Wissenschaften der Kultur unerlässlich sind.
Damit nicht genug der offenen Fragen. Hinzu kommt, dass selbst die Geschichtswissenschaft, die es mit dem Gehirn aufnehmen will, es mit der Vergangenheit des Gehirns zu tun bekommt, der keiner mehr zu Leibe rücken kann, wie Fried selbst sagt: »Entziehen sich frühere Gehirnzustände auch jeglichem wissenschaftlichen Zugriff, so hinterlassen sie doch erkenn- und auswertbare Spuren und stehen grundsätzlich dem suchenden Blick des Historikers offen, wenn er – durchaus mit seinen traditionellen Methoden – seine Quellen auf entsprechende Anzeichen durchmustert.«
Neuigkeit hin oder her, der gedächtniskritisch geschulte Historiker Fried schlägt sich durch das Gebüsch der Quellen und zeigt exemplarisch – List der Geschichte? –, was kein Hirnforscher der Welt vermag: wie man Vergangenheiten zum Sprechen bringt. Er zeigt etwa, wie sich im Streit der Bischöfe von Sovana und Orvieto um das Val di Lago di Bolsena im Jahr 1194 die Zeugnisse derart widersprechen, dass keinerlei verlässliche Wirklichkeit der Rechtslage in den Blick kommt. 57 Zeugen hatten die Richter berufen, und was diese an unvereinbaren Zeitangaben auftischten, ist so wunderbar komisch wie Frieds Erzählung dieser Streitfrage.
Wie das herrliche Venedig sich eine ruhmreiche Geschichte komponierte
Zum Besten des Buchs gehört Frieds Spurensuche nach Benedikt von Nursia, dem »Vater des abendländischen Mönchstums«, der zu Beginn des 7.Jahrhunderts durch die Dialoge Gregors des Großen in die Welt kam. Ein anderes Zeugnis vom Leben des Mannes existiert nicht. Am Ende einer minutiösen Kritik der Quellen und Überlieferungswege steht der Schluss: »Für den Augenblick scheint er [Benedikt von Nursia] nicht mehr zu sein als ein Mythos, eine fromme Legende, ein Phantom, vielleicht eine Projektion, ein Produkt einer erbaulichen Geschichte.« Der ideale Mönch hat gleichwohl die Welt mächtig zu prägen vermocht.
Fried rekonstruiert auch, wie die kollektive Erinnerung an den ziemlich frei erfundenen Sieg der Stadt Venedig über Friedrich Barbarossa im Jahr 1177 einen anderen realen, eher anstößigen Sieg Venedigs überlagerte, nämlich die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer-Flotte des Dogen Enrico Dandalo – mit dem Effekt einer Selbstreinigung der herrlichen Stadt vor der Historie.
All diese Exempel erweisen, wie wohlbegründet Frieds Forderung nach methodischer Gedächtniskritik ist. Aber was nicht überzeugt, ist, wie Fried die Manipulation des kulturellen Gedächtnisses mit einem Phänomen der Gehirnarbeit gleichsetzt, mit der implantierten Erinnerung nämlich, die aus der Psychologie bekannt ist: dass ein Individuum sich an etwas »Erlebtes« erinnert, das ihm aber von einem anderen eingeredet wurde. Sind die Unterschiede zwischen einer kollektiv angenommenen historischen Scheinrealität und der Täuschung des individuellen Gedächtnisses nicht zumindest ebenso gravierend wie die Ähnlichkeiten?
Und schenkt die anspruchsvolle Mediävistik der Verzerrung des Gedächtnisses nicht bereits kritische Aufmerksamkeit? Durchaus, sagt auch Fried, »was – bei Lichte besehen – die Mittelalterforschung vor keine grundsätzlich neue Lage stellt; denn die Erforschung schriftarmer Zeiten war stets an eine Vielzahl von Prämissen und Hypothesen geknüpft.« Aber wenn dem so ist, warum wäre dann die Geschichtswissenschaft neu zu erfinden? Was dieser Historiker hingegen über die kulturellen Techniken, das kollektive Gedächtnis zu stabilisieren, zusammenträgt – von der Bedeutung der Autorität über die Kanonbildung, die Rhetorik, die Festigung etwa durch Singen, Erzählung und Verse bis zur Institutionalisierung der Lehre – das sind Wegweiser der Gedächtnisforschung.
Es bleibt die Skepsis, dass die Öffnung zu den Wissenschaften vom Gehirn auch die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit der drögen Geschichtswissenschaft nachweisen sollte. Als könnten die Naturwissenschaftler nicht ihrerseits bei Historikern wie Fried in die Lehre gehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie viel Freiheiten sich die Kultur nimmt. Oder wie hat es der alte Paul Ricœur gesagt? »Es wird immer etwas Unversöhnliches in unseren Meinungsverschiedenheiten geben, etwas Unentwirrbares in unseren Verwicklungen, etwas Irreparables in unseren Ruinen. Eben weil es das Irreparable gibt, gibt es die Geschichte.«
Und Gedichte, wie Brechts Erinnerung an die Marie A.
Der Schleier der ErinnerungGrundzüge einer historischen MemorikJohannes FriedBuchC. H. Beck2004München39,90509- Datum 27.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.01.2005 Nr.5
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