Hirnforschung Es war einmal irgendwas. Nur was?Seite 5/5

Zum Besten des Buchs gehört Frieds Spurensuche nach Benedikt von Nursia, dem »Vater des abendländischen Mönchstums«, der zu Beginn des 7.Jahrhunderts durch die Dialoge Gregors des Großen in die Welt kam. Ein anderes Zeugnis vom Leben des Mannes existiert nicht. Am Ende einer minutiösen Kritik der Quellen und Überlieferungswege steht der Schluss: »Für den Augenblick scheint er [Benedikt von Nursia] nicht mehr zu sein als ein Mythos, eine fromme Legende, ein Phantom, vielleicht eine Projektion, ein Produkt einer erbaulichen Geschichte.« Der ideale Mönch hat gleichwohl die Welt mächtig zu prägen vermocht.

Fried rekonstruiert auch, wie die kollektive Erinnerung an den ziemlich frei erfundenen Sieg der Stadt Venedig über Friedrich Barbarossa im Jahr 1177 einen anderen realen, eher anstößigen Sieg Venedigs überlagerte, nämlich die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer-Flotte des Dogen Enrico Dandalo – mit dem Effekt einer Selbstreinigung der herrlichen Stadt vor der Historie.

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All diese Exempel erweisen, wie wohlbegründet Frieds Forderung nach methodischer Gedächtniskritik ist. Aber was nicht überzeugt, ist, wie Fried die Manipulation des kulturellen Gedächtnisses mit einem Phänomen der Gehirnarbeit gleichsetzt, mit der implantierten Erinnerung nämlich, die aus der Psychologie bekannt ist: dass ein Individuum sich an etwas »Erlebtes« erinnert, das ihm aber von einem anderen eingeredet wurde. Sind die Unterschiede zwischen einer kollektiv angenommenen historischen Scheinrealität und der Täuschung des individuellen Gedächtnisses nicht zumindest ebenso gravierend wie die Ähnlichkeiten?

Und schenkt die anspruchsvolle Mediävistik der Verzerrung des Gedächtnisses nicht bereits kritische Aufmerksamkeit? Durchaus, sagt auch Fried, »was – bei Lichte besehen – die Mittelalterforschung vor keine grundsätzlich neue Lage stellt; denn die Erforschung schriftarmer Zeiten war stets an eine Vielzahl von Prämissen und Hypothesen geknüpft.« Aber wenn dem so ist, warum wäre dann die Geschichtswissenschaft neu zu erfinden? Was dieser Historiker hingegen über die kulturellen Techniken, das kollektive Gedächtnis zu stabilisieren, zusammenträgt – von der Bedeutung der Autorität über die Kanonbildung, die Rhetorik, die Festigung etwa durch Singen, Erzählung und Verse bis zur Institutionalisierung der Lehre – das sind Wegweiser der Gedächtnisforschung.

Es bleibt die Skepsis, dass die Öffnung zu den Wissenschaften vom Gehirn auch die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit der drögen Geschichtswissenschaft nachweisen sollte. Als könnten die Naturwissenschaftler nicht ihrerseits bei Historikern wie Fried in die Lehre gehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie viel Freiheiten sich die Kultur nimmt. Oder wie hat es der alte Paul Ricœur gesagt? »Es wird immer etwas Unversöhnliches in unseren Meinungsverschiedenheiten geben, etwas Unentwirrbares in unseren Verwicklungen, etwas Irreparables in unseren Ruinen. Eben weil es das Irreparable gibt, gibt es die Geschichte.«

Und Gedichte, wie Brechts Erinnerung an die Marie A.

Der Schleier der ErinnerungGrundzüge einer historischen MemorikJohannes FriedBuchC. H. Beck2004München39,90509
 
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