Hat Bush doch Recht mit seiner Vision von der Demokratisierung der Welt? Die Bilder wird man so schnell nicht vergessen: die Menschenschlangen vor den Wahllokalen im Irak, den Hauch von nationaler Festtagsstimmung ungeachtet der kollektiven Morddrohung der Terroristen. Das war ein großer Augenblick, trotz des Boykotts oder der Einschüchterung vieler Sunniten, trotz einer ungewissen Zukunft bis hin zu Bürgerkriegsgefahren, trotz der Rückkehr in einen Alltag von Selbstmordattentaten und Besatzung. Etwas Scham neben der Freude sollte die Welt auch empfinden, denn nur wenige haben von dieser Wahl und diesen Wählern wirklich etwas erwartet. Es herrschte, vom Zweckoptimismus der Regierung Bush abgesehen, eine kühle bis feindselige Atmosphäre – im offiziellen Arabien die halb unterdrückte Angst vor demokratischer Ansteckung, in Europa der distanzierte Widerwille, mit dem das amerikanische Irak-Abenteuer betrachtet wird. Doch geht es hier ausnahmsweise weder um die Vereinigten Staaten noch um die Europäer, noch um den Streit zwischen beiden. Es geht um mehr.

Wahlen, der demokratische Ur-Akt, sind zu einem Hauptthema der Weltpolitik geworden. Es begann in Afghanistan mit der Kür von Hamid Karsai, die vorher auch schon viele im Bombenhagel von Anschlägen untergehen sahen. Die Bürger der Ukraine haben sich geweigert, einen Staatschef zu akzeptieren, der ins Amt gefälscht werden sollte. Die Palästinenser haben einen Nachfolger für Arafat gewählt, wieder ohne das befürchtete Chaos, und sie wählen weiter, Gemeindevertretungen, demnächst ein Parlament. Demokratie als Voraussetzung für den Frieden mit Israel – was eben noch wie eine Ausrede von Bush und Scharon wirkte, setzt nun die Urheber der Demokratisierungsparole selbst unter Verhandlungsdruck: Mit Neinsagen oder Abwarten ist es nicht mehr getan, wenn sich im Westjordanland und im Gaza-Streifen eine legitime Regierung entwickelt.

Ganz ohne Fundament in der Wirklichkeit ist die Freiheitsphilosophie also nicht, die der amerikanische Präsident und seine neue Außenministerin verkündet haben und mit der beide nun nach Europa kommen. Dass die Botschaft in den meisten Ohren hohl klingt, liegt an ihren Überbringern, an der erschütterten moralischen Autorität der Vereinigten Staaten – erschüttert durch den Zusammenbruch der Begründungen für den Irak-Krieg, durch Guantánamo und Abu Ghraib, durch eine Aggressivität, die beim Signalwort "Freiheit" sofort an regime change und bei regime change gleich an die nächste Militärintervention denken lässt, womöglich in Iran. Die globale Demokratisierung, von der Bush spricht, könnte eine Menschheitshoffnung sein, der Ruf ist großartig, aber man sieht die Welt nicht, die ihm folgen würde. Bush, der falsche Philosoph, steht seiner richtigen Philosophie im Wege.

Europa, das ist das Tragisch-Kuriose, bietet das spiegelverkehrte Bild: eine erstaunliche demokratische Attraktion, nur ohne den rechten Idealismus. Hier funktioniert die Philosophie, bloß fehlen die Philosophen. Bei den Nachbarn der Europäischen Union gibt es keinen stärkeren Anreiz für den Ausbau von Demokratie und Rechtsstaat als den Wunsch nach EU-Mitgliedschaft. Auf dem Balkan und in der Türkei zeigt sich, wie ganze politische Landschaften durch den Eintritt in dieses Werte-Gravitationsfeld transformiert werden. Der Wille, nach Europa zu kommen, hat die orangene Revolution in der Ukraine beflügelt. Aber die Alt-Europäer selbst tun sich schwer damit, im Siegeszug der Freiheit den schönsten Sinn ihres historischen Unternehmens zu erkennen. Es ist auch kein leichtes Los, beim "Demokratie-Export" immer gleich Beitrittsanträge entgegennehmen zu müssen. Die Anklopfenden stören den Brüsseler Hausfrieden. Schon als die Mitteleuropäer die sowjetische Herrschaft abschüttelten und die "Osterweiterung" der EU auf die Tagesordnung kam, war diese Lustlosigkeit spürbar. Jetzt, wo 1989 und die Folgen gewissermaßen erledigt sind, scheint die Ausbreitung der Freiheit erst recht kein europäisches Thema mehr zu sein.

Trotzdem: Bushs Mission und die Ausstrahlung Europas – da könnte etwas zusammenpassen, da müsste es möglich sein, voneinander zu lernen und sich die Arbeit zu teilen. Die Glaubensstärke und globale Ambition Amerikas, gemäßigt und verfeinert durch europäischen Geschichts- und Realitätssinn, durch den Sinn für Recht, Institutionen, Verträge und friedlichen Wandel – so sähe der Traum von einem wiederhergestellten Westen mit einem Freiheitsprojekt für das 21. Jahrhundert aus. Ob es dahin kommt, ist zweifelhaft; Entfremdung und Misstrauen haben sich auf beiden Seiten tief eingefressen. Aber ist es überhaupt der richtige Traum? Steht "Demokratisierung" auf der Welt-Agenda wirklich obenan?

Condoleezza Rice hat bei ihrer Anhörung vor dem Senat sechs Länder als "Vorposten der Tyrannei" angeprangert: Kuba, Myanmar, Nordkorea, Iran, Weißrussland und Simbabwe. Der amerikanische Publizist Fareed Zakaria hat erstaunt gefragt, ob das tatsächlich die großen Herausforderungen unserer Zeit seien. Nicht eher China oder Russland, wo an "Befreiung" von außen nicht zu denken ist und die Emanzipation der Bürger auf den Taubenfüßen von Marktwirtschaft und Wohlstand daherkommt? Nicht eher Bürgerkriege, Armut und Seuchen, gegen die man erst einmal einen effektiven Staat braucht, nicht unbedingt einen demokratischen?