Die immer neuen Zahlen haben uns abstumpfen lassen. Da waren die zwei Millionen Arbeitslosen in der alten, dann die drei Millionen in der neuen Bundesrepublik. Später stand eine Vier vorn, was anfänglich skandalös wirkte – dann haben wir uns daran gewöhnt.

Jetzt die Fünf, weil Winter ist und weil Hartz IV ist. In der Kälte wird weniger gearbeitet, und die Statistik wird etwas ehrlicher. Etwas. In Wahrheit wäre die Fünf auch im Sommer korrekt, weil die Zählung nach wie vor Hunderttausende Frührentner, hoch qualifizierte Ehefrauen, Dauerstudenten ausschließt; auch Arbeitslose, die der Staat in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und neuerdings in Ein-Euro-Jobs parkt.

Die Fünf erschreckt uns, so wie einst die Vier, auch wenn Wolfgang Clement uns glauben machen will, dass wir diese Zahl dank Hartz IV nie wiedersehen werden. Fünf Millionen Arbeitslose sind Ausweis eines kollektiven Versagens. Über Jahrzehnte hat sich Deutschland wunderbar mit der monatlichen Gruselzahl aus Nürnberg eingerichtet. Dem ständigen Bekenntnis zu "Jobs, Jobs, Jobs" folgten Alibi-Taten. Gesundheitsreförmchen zum Beispiel, die ein paar Dezimalstellen bei den Lohnnebenkosten brachten, oder das Job-AQTIV-Gesetz, das überhaupt nichts brachte außer die Einführung der Marketingsprache in die Arbeitsmarkt-Rhetorik.

Über alldem ist Deutschland den Holzmann-Komplex nicht losgeworden: Nervosität ergreift das Land nur, wenn Jobs verloren gehen – und nicht, wenn neue ausbleiben. Aus dieser Haltung entstand das Subventionsmilieu um die Kohleindustrie. Und ihr ist es zu verdanken, dass Arbeitnehmer, die älter sind als 55 Jahre, mit Staatsmilliarden in die Frührente gelockt wurden.

Was war nicht immer schon möglich, um den Verlust alter, oft unproduktiver Jobs abzuwehren. Achtundzwanzig Wochenstunden bei VW, vierzig und mehr bei notleidenden Maschinenbauern – für die Arbeitsplatzbesitzer sprang die IG Metall über ihren Schatten, während sie im Namen der Arbeitslosen die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland einbetonieren wollte.

Würden die Deutschen bloß halb so viel für neue Jobs tun wie zur Rettung von alten, gäbe es keine fünf Millionen Arbeitslose. Doch der Öffentlichkeit hat es meistens gereicht, dass alles sozialverträglich zugeht. Sollten die Konzerne doch Stellen abbauen – solange sie dabei niemandem kündigten, war alles in Ordnung.