Marianne Hettig ist "Kassiererin mit Leib und Seele". Früher hat sie in Supermärkten gearbeitet. Jetzt sitzt sie im Gemeindehaus der Kirche und verkauft dort Kaffee, Schals und holzgeschnitztes Spielzeug. Ehrenamtlich kümmert sie sich schon länger um den Weltladen im niedersächsischen Winsen/Luhe. "Das ist mir eine Herzensangelegenheit", sagt sie. Und neuerdings verdient sie auch daran.

Marianne Hettig hat sich ihren eigenen Ein-Euro-Job geschaffen. Zum eigenen Nutzen – und zu dem von Katja Stremme und Dietmar Schlömp. Der Diplompädagogin bescherte die Betreuung der Ein-Euro-Jobber selbst einen Arbeitsvertrag. Und ihr Chef konnte damit ein neues Geschäftsfeld für sein Bildungsunternehmen erobern. Vor allem aber freut sich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement über jeden Ein-Euro-Job, der entsteht – weil so die offiziellen Arbeitslosenzahlen sinken.

Wer mehr als 15 Stunden pro Woche beschäftigt ist, gilt nicht mehr als arbeitslos, selbst wenn er dafür nur einen Euro pro Stunde bekommt. Wenn, Clements Zielvorgabe entsprechend, 600000 Ein-Euro-Jobs geschaffen werden, dann "sinkt die Arbeitslosenquote um rund 1,5 Prozentpunkte", sagt Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Und die Bundesregierung kann sagen, sie habe die Arbeitslosigkeit gesenkt.

Das lässt sich Wolfgang Clement einiges kosten. 6,35 Milliarden Euro stehen in diesem Jahr bereit, um Langzeitarbeitslose wieder in Jobs zu bringen, für Bildungsgutscheine wie für Lohnkostenzuschüsse. Doch allein die Finanzierung der 600000 Ein-Euro-Jobs würde die Hälfte dieser Mittel verschlingen – mehr als drei Milliarden Euro. Bis zu 500 Euro pro Monat gibt es für jeden Ein-Euro-Job, bei den üblichen 30 Wochenstunden erhalten die Jobber selbst davon meist nur 130 Euro. Den großen Rest von bis zu 370 Euro, also fast drei Viertel der staatlichen Hilfe, streichen die Betreuer ein. Das lockt – ganz im Sinne Clements – unter anderem Firmen aus der gebeutelten Bildungsbranche an, die nun an den Ein-Euro-Jobbern verdienen. Sie bekommen die enormen Beträge für die so genannten Regiekosten: die Organisation der Jobs, die – hoffentlich – damit verbundene Qualifizierung und die Kooperation mit der Arbeitsagentur.

"Die berufliche Weiterbildung ist um 40 bis 60 Prozent zurückgegangen", sagt der Chef der Arbeitsagentur Bremerhaven, Berndt Wozniak. "Viele machen deshalb ein neues Geschäftsfeld auf und leben nun von den Regiekosten für die Arbeitsgelegenheiten." Die Hamburger Grone Schule etwa musste 50 ihrer 110 Mitarbeiter entlassen. Hätte man nicht gleichzeitig 600 Ein-Euro-Jobs akquiriert, wären noch mehr Grone-Beschäftigte arbeitslos.

"Ich habe nur eine Alternative", sagt ein schleswig-holsteinischer Bildungsunternehmer. "Entweder ich denke mir möglichst kreativ jede Menge Ein-Euro-Jobs aus, für die ich dann Geld von der Arbeitsagentur kriege. Oder ich mache meinen Laden dicht." Er begreift die großzügige Finanzierung auch als Bonus für besonders pfiffige Ideen: Die Jobs müssen zusätzlich und gemeinnützig sein, sie dürfen bestehende Arbeitsplätze nicht gefährden, sollen trotzdem sinnvoll sein und möglichst auch noch eine weitere Qualifikation bieten. Nicht einfach, all diese Kriterien zu erfüllen. In Bremerhaven beispielsweise hat die Arbeitsagentur alle potenziellen Träger eingeladen und um Angebote gebeten. "Wir haben einen Ideenwettbewerb veranstaltet und Vorschläge gesammelt", sagt Agenturchef Wozniak.

Die Arbeitsagentur Lüneburg hingegen, zu der auch Winsen und Buchholz gehören, hatte die Betreuung der Jobs komplett ausgeschrieben. Die große Chance für Dietmar Schlömp und seine Ausbildung + Arbeit GmbH: Er erhielt den Zuschlag für die eigens gegründete Tochter Pro Förderung + Integration, kurz: Pro.FI. "Es war ein gutes Konzept und außerdem preislich attraktiv", sagt Hartmut Rust, der zuständige Koordinator bei der Arbeitsagentur. In seiner Region dürfen Ein-Euro-Jobber nur 20 Stunden arbeiten, Marianne Hettig verdient damit gut 80 Euro. Statt bis zu 330 Euro stellt Pro.FI nur 300 Euro für den Zwei-Drittel-Job in Rechnung. Und bekam eine Art Monopol geschenkt. Wer immer sich an die Arbeitsagentur wandte, um einen Ein-Euro-Job anzubieten, wurde prompt an die Firma verwiesen. Die Folge: 200 Jobs in Lüneburg, 100 in Buchholz und 63 in Winsen konnte das Unternehmen besetzen und kassiert so Regiekosten für 363 Jobs.

Wolfgang Clement will es so.