Inferno und BefreiungDrei Todesurteile pro Tag

Am 3. Februar 1945 fliegen die Alliierten einen schweren Luftangriff auf Berlin. Eines der Opfer ist Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes von Uwe Wesel

Rhetorisch ist er unseren besten Rednern gewachsen, wenn nicht überlegen. Besonders auf die große Masse hat er Einfluß, von denkenden Menschen wird er innerlich meist abgelehnt. Pg. Freisler ist nur als Redner verwendbar. Für jeden Führerposten ist er ungeeignet, da er unzuverlässig ist und zu sehr von Stimmungen abhängig. Als Rechtsanwalt hat er eine bedeutende Praxis, er ist wohl der gewiegteste Anwalt in der Provinz." Sobeschreibt ihn 1927 der Gauleiter der NSDAP in Kassel in einem Bericht an die Parteileitung in München. Roland Freisler war zwei Jahre zuvor Mitglied der Partei geworden, ein schlanker Mann mit einem schmalen Intellektuellengesicht, 1893 in Celle geboren, aufgewachsen in Aachen und Kassel als Sohn eines Ingenieurs. Sein Jurastudium in Jena unterbricht er 1914, wird Soldat, kommt 1915 in russische Gefangenschaft.

Seltsamerweise bleibt er noch zwei Jahre in der jungen Sowjetunion, nachdem die Gefangenenlager gleich 1918 aufgelöst sind. Es heißt, er, der inzwischen fließend russisch spricht, sei überzeugter Bolschewist und Kommissar für Lebensmittelversorgung gewesen. Dokumente über diese Zeit, Schriftliches gar von eigener Hand, sind nicht bekannt. 1932 brachte ein Sozialdemokrat die russische Episode in der Stadtverordnetenversammlung von Kassel zur Sprache und fragte Freisler, wie viel Bauern er in Russland habe erschießen lassen. Freislers Antwort: "Schade, daß Sie nicht dabei waren."

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1920 geht er jedenfalls nach Deutschland zurück, beendet sein Jurastudium, wird 1924 Anwalt in Kassel, heiratet 1928, die Braut ist 18, und spezialisiert sich auf die Verteidigung von braunen Rabauken. In solchen Prozessen überschreitet er gern die Grenzen des Erträglichen, was mehrere Ehrengerichtsverfahren und ein Strafverfahren zur Folge hat. Auch das wurde ihm vorgehalten 1932 in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung, und er ergänzte nur höhnisch: "Es kommen noch mehr dazu."

Ein brillanter Jurist und überzeugter Nationalsozialist. Die nächsten Stationen: Abgeordneter im preußischen Landtag (Kassel gehörte zu Preußen), Mitglied des Reichstags, 1933 Staatssekretär im Preußischen Justizministerium, 1934 Staatssekretär im Reichsjustizministerium. Eine steile Karriere, jetzt ist er 40 Jahre alt, will weiter, bleibt aber erst mal acht Jahre auf diesem Posten und schreibt nebenbei einen Aufsatz nach dem anderen, Jahr für Jahr, jeden Monat einen.

Seine Lieblingsgebiete: Strafrecht und Erbhofrecht. Das liberale Strafrecht sei viel zu schlapp, jeder Straftäter ein Staatsfeind, den das nationalsozialistische Strafrecht zu brechen oder möglichst zu vernichten habe. Im Erbhofrecht wird ein Gesetz schon 1933 erlassen. Das ist die Rückkehr zum altgermanischen Begriff von Blut und Boden, eine tiefgreifende Veränderung der liberalen Auffassung von Eigentum. Sie sichert eine gesunde Ernährung des deutschen Volkes durch einen freien und unbelasteten Bauernstand, in dem nur der älteste Sohn – der "Anerbe" – den Hof übernimmt und die anderen zurücktreten müssen. Und auch sonst noch viel juristisches Blubobrausi: Blut, Boden, Brauchtum, Sitte. Dr. Freisler 1936: "Es ist Kampfzeit, Kampfzeit ist Saatzeit. Säen wir Treue, so ernten wir Leben. Auf Leben, Freiheit und Ehre unseres Volkes aber kommt es an!"

Preußischer Staatsrat, Staatssekretär – er ist nun einer der prominentesten Nazijuristen und übertrifft mit der Zahl seiner Schriften selbst Carl Schmitt, Professor des Staatsrechts in Berlin, dem es schmeichelt, wenn man ihn den "Kronjuristen des Führers" nennt. Außer Freisler und Schmitt ist da Hans Frank, "Reichsrechtsführer" und Präsident der neuen Akademie für Deutsches Recht in München. Er war schon 1923 dabei, nach dem November-Putsch, als Hitlers Verteidiger und Gründer des NS-Rechtswahrerbundes, in dem die Vertretung von Parteigenossen in Strafverfahren organisiert worden ist. Und schließlich gibt es noch Otto Thierack, 1933 Justizminister in Sachsen, 1935 Vizepräsident des Reichsgerichts und 1936 Präsident des Volksgerichtshofs: ein neues Gericht, von Hitler gegründet als politisches Gegengewicht zum alten Reichsgericht in Leipzig, zuständig für Hoch- und Landesverrat, untergebracht in Berlin in einem alten Schulgebäude, dem König-Wilhelm-Gymnasium am Potsdamer Platz, wo jetzt das Sony Center steht.

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