Keine Epoche der deutschen Geschichte ist in den Medien so präsent wie die zwölf Jahre des Dritten Reiches. In diesem Jahr des 60. Gedenkens an das Kriegsende 1945 wird die obsessive Beschäftigung sogar alle Rekordmarken brechen, und eine nie gekannte Fülle von Artikeln, Büchern, Sendungen ergießt sich über das Publikum. Es bleibt allerdings die Frage, wie viel davon wirklich ankommen wird, angekommen ist, gerade auch bei den Jüngeren.

Doch noch etwas anderes irritiert angesichts der Medienflut: die Tatsache nämlich, dass ausgerechnet einige der wichtigsten Punkte bis heute ungeklärt sind. So gibt es zum Beispiel keine einzige gründliche Untersuchung, die sich um eine Antwort auf die schlichte Frage bemüht: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Freilich handelt es sich hier um ein methodisch sehr schwieriges Problem, denn von Anfang an waren Wissen und Nichtwissenwollen auf schwer entwirrbare Weise miteinander verknüpft.

Bis heute gibt es auch keine überzeugende Erklärung dafür, was das NS-Regime für eine große Mehrheit der Deutschen so attraktiv machte, dass sie ihm buchstäblich bis zur letzten Minute Gefolgschaft leistete. Wenn nicht alles täuscht, wird allerdings das neue Buch von Götz Aly, Hitlers Volksstaat, das im März bei S. Fischer erscheint, hier eine Lücke schließen. Die viel beschworene Volksgemeinschaft war demnach vor allem eine Raubgemeinschaft auf Kosten der Juden und der besetzten Gebiete Europas, von der alle profitierten - die korrupten Nazibonzen ebenso wie die einfachen Volksgenossen. Die NS-Herrschaft als Gefälligkeitsdiktatur: Diese These dürfte einigen Staub aufwirbeln.

Was bislang fehlt, ist auch eine große Darstellung der Kollaboration in Europa - ein immer noch mit starken Tabus belastetes Thema, das mit dem Beitritt der baltischen Staaten, Polens und Ungarns (und vielleicht bald auch der Ukraine) zur EU aber umso dringlicher geworden ist. SS-Einsatzgruppen und Wehrmacht hätten den Massenmord nicht ins Werk setzen können, wenn ihnen nicht in allen diesen Ländern willige Helfer zugearbeitet hätten. Diese Zusammenhänge zu erforschen heißt nicht, die deutsche Schuld zu verkleinern, wohl aber, den Holocaust in einen europäischen Horizont zu rücken.

Schließlich die Biografien. Zwar gibt es einen sorgfältig edierten Dienstkalender Heinrich Himmlers, aber immer noch keine hinreichende Himmler-Biografie. Und das gilt für die meisten anderen hohen NS-Chargen, für Heß und Ribbentrop, Bormann und Frank, Heydrich und Freisler, Rosenberg und Sauckel - auch übrigens für den von Joachim Fest zum Edelnazi stilisierten Albert Speer, der inmitten dieser kriminellen Vereinigung einer der Schlimmsten war.

Für die Historiker gibt es also noch viel zu tun. Und sie sollten sich dabei von dem medialen Gedenkrummel nicht im Geringsten beeindrucken lassen.