Ein Klang zieht durchs Gemüt, seit der Trompeter Arve Henriksen 1996 im Christian Wallumród Trio auftauchte. Trompete ist das beinahe nicht mehr, eher der Rückzug des strahlenden Glanzes ins Innere, als beschränke sich Musik auf den Bereich zwischen Lippen und Mundstück, als entstehe aus diesem Mikrokosmos die ganze Welt. Er haucht, presst und sucht, ebenso meditativ wie minimalistisch. Dieser Ton hat weder die kühle Melancholie von Miles Davis noch den morbiden Reiz Chet Bakers, vielmehr die spirituelle Klarheit eines japanischen Haikus: Der alte Teich / Ein Frosch springt hinein. / Oh! / Das Geräusch des Wassers.

Arve Henriksen, 1968 geboren, besuchte das Konservatorium in Trondheim, zieht seit 1990 als Troubadour durch die skandinavischen Gruppen von Jon Balke, Edward Vesala oder Trygve Seim, spielte mit Misha Alperin wie mit Sidsel Endresen, trat oft in elektrisch aufgeheiztem Umfeld auf, ein Kontrastmittel zu seinem akustischen Naturklang. Nun ist er zweimal zu hören, als Solist im Ensemble Trygve Seims wie im Trio mit dem live sampling von Jan Bang und dem Perkussionisten Audun Kleive. Chiaroscuro, jene Technik der Helldunkelmalerei, die seit Leonardo da Vinci den Bildern Tiefe gibt, meint hier die verschatteten Klangfarben aus Samples und elektrisch beleuchtetem Hintergrund, vor dem sich die Trompete abhebt. Jeden noch so brüchigen Ton modelliert Arve Henriksen vor diesen Landschaften heraus, diese Musik erscheint fremd und vertraut zugleich wie Bilder von Andrej Tarkowskij. Zehn Stücke verbinden sich über südostasiatischen Rhythmen und einem Klang, der manchmal an einen Muezzin erinnert, dann an eine tiefe Flöte, dann an musikalisches Atmen. Dass Henriksen gelegentlich in björkschen Hochtönen singt, ist zu verschmerzen, Bali ist ihm so nahe wie Norwegen (rune grammofon RD 2037/Universal).

Den zweiten Auftritt hat Arve Henriksen in Sangam von Trygve Seim, einem der sinnlichsten Alben, die seit Sketches Of Spain (von Miles Davis und Gil Evans) eingespielt wurden. Blech- und Holzbläser verschmelzen, von Tuba und Waldhorn grundiert, und aus den Gefilden der impressionistischen Tonmalerei steigen einzelne Stimmen: Akkordeon, Baritonsaxofon und ebenjene Trompete.

Feierlich gemessen, ohne zu schleppen bewegt sich mahlerisch eine Musik, die dem Symphonischen so nahe steht wie dem Jazz. Beginning an Ending heißt eine Komposition, deren 9'23 Minuten ohnehin zum Ohrwurm 2004 wurden.

Dutzendmal gehört, so volksliedhaft schlicht wie überirdisch schön (ECM 1797).