Jetzt ist es amtlich: Deutschland hat mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Eigentlich ist das nichts Neues, und doch gilt die Zahl von 5,037 Millionen Erwerbslosen zum Ende Januar 2005 als neuer, trauriger Rekord. Denn es suchen zwar seit langem mehr als fünf Millionen Menschen einen Job – nur werden sie nicht alle in der Statistik erfasst. Wer in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme steckt, wer vom Amt subventionierte Kurzarbeit leistet oder Trainingsprogramme besucht, zählt nicht als arbeitslos. Rechnet man solche Gruppen ein, dann überschritt Deutschland schon in den neunziger Jahren die 5-Millionen-Marke.

Deutschland hat ein gravierendes Arbeitslosenproblem, nicht erst seit diesem Januar – aber eben immer noch, trotz aller Hartz-Reformen. Vor allem wegen dieser Reformen dürfte das öffentliche Interesse an den monatlichen Arbeitsmarktdaten in diesem Jahr so groß sein wie selten zuvor: Wann zeigen sich endlich die versprochenen Früchte der Hartz-Zumutungen? Wann sinkt die Arbeitslosenquote? Braucht es noch mehr Reformen?

Der aktuelle Rekordwert ist in erster Linie ein statistisches Phänomen: Etwa 250000 Sozialhilfeempfänger, die bisher nicht als arbeitslos registriert waren, gehen erstmals in die Statistik ein. Hinzu kommt ein saisonaler Einfluss: Im Januar steigt die Arbeitslosenquote wegen der kalten Witterung regelmäßig an. Auch ohne diese Effekte gibt es indes keinen Grund zum Jubeln: "Wenn man alle statistischen und saisonalen Faktoren herausrechnet", sagt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, "kommt man zum Ergebnis, dass die Arbeitslosenzahlen seit Mitte letzten Jahres leicht ansteigen." Der Arbeitsmarkt reagiere immer mit Verzögerung auf eine wirtschaftliche Erholung. "Nach unseren Berechnungen kommt aber in den nächsten drei Monaten die Trendwende." Bis Herbst 2006 werde die Arbeitslosigkeit sinken. Und zwar aus konjunkturellen Gründen, unabhängig von der Hartz-IV-Reform, deren Wirkung schwer zu berechnen sei. "Lässt man wieder alle statistischen Effekte beiseite", sagt Zimmermann, "dann könnten wir im Jahresdurchschnitt 2006 etwa 4 Millionen Arbeitslose haben, gegenüber 4,4 Millionen im vergangenen Jahr."

Das wäre ein Erfolg, aber noch keine Lösung des Problems Massenarbeitslosigkeit. Experten diskutieren deshalb schon weitere Schritte. Wolfgang Franz, Mitglied im Sachverständigenrat, forderte Anfang der Woche niedrigere Unternehmenssteuern und Sozialabgaben, bescheidene Lohnzuwächse und ein vereinfachtes Arbeitsrecht. DIW-Chef Zimmermann sieht bei den Lohnnebenkosten Reformbedarf, das heißt beim Gesundheitssystem und der Pflege, aber auch im Föderalismus, im Bildungssystem und bei der Innovationsfähigkeit. "In der Arbeitsmarktpolitik hat die Regierung jetzt erst einmal ihre Hausaufgaben gemacht", sagt Zimmermann.

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, ist da ganz anderer Meinung: "Hartz IV gibt zu wenig Anreize, eine Beschäftigung aufzunehmen. Korrekturen genügen da nicht." Das ganze System müsse so umgebaut werden, dass Arbeitslose vor allem Zuschüsse für eine Einstellung bekämen, etwa über Beschäftigungsgutscheine. "Es bleibt uns nichts übrig", sagt Snower, "als das ganze Problem noch einmal zu durchdenken."