Irgendwann Mitte der Achtziger, ich muss so um die 15 gewesen sein, sah ich das erste Mal, wie ein Auto eine Skisprungschanze hochfährt. Auf der Schanze lag Schnee, aber das machte nichts. Der Wagen schlitterte kaum, es spritzte auch kein Schnee, wahrscheinlich gab der Fahrer nicht einmal Vollgas – und trotzdem kam er oben an. Wir haben auf dem Schulhof damals lange gestritten, wie die Leute von Audi das wohl gemacht hatten in diesem Werbespot für ihren Allradantrieb. Einer sagte was von einem Seil, das den Wagen in Wahrheit nach oben gezogen habe, aber im Grunde war es den meisten von uns vollkommen egal, ob Audi nun trickste oder nicht. Wir wussten nur: Allradantrieb, das war cool. Es war die Zeit, als Hannu Mikkola im Audi Quattro alle Konkurrenten um die Rallye-WM in Grund und Boden fuhr.

Mein Vater fuhr damals für mich mindestens so gut Auto wie der Finne Mikkola, aber er fuhr BMW. Immer schon. Als ich ihm von Audi vorschwärmte, sagte er nur zwei Sätze: "So ein Auto kommt mir nicht vors Haus. So was fahren bloß Leute, die sich mit Hut ans Steuer setzen."

Zwanzig Jahre später stehe ich vor dem Laden des letzten Hamburger Mützenmachers. Neben mir, halb auf dem Gehweg, steht ein Audi A6, Drei-Liter-Maschine, Turbodiesel, natürlich Allrad. Mein Testwagen. Nur der Tester fehlt noch – und das soll der Mützenmacher sein.

In den zwanzig Jahren seit dem Werbespot mit der Skischanze hat sich das Image von Audi radikal gewandelt; von Autos für Hutträger redet heute keiner mehr. Ein wenig hat das mit Hannu Mikkola zu tun, aber mehr noch mit dem Mann, der dem Rallyefahrer das Rallyefahrzeug baute: Ferdinand Piëch. Der Österreicher, erst Entwicklungsleiter, dann Audi-Chef und später Volkswagen-Boss, konstruierte den Audi Quattro und schuf den aalglatten Audi 100, das erste Auto, dessen Scheiben so flach standen, dass man sich im Sommer drinnen wie in der Sauna fühlte – und garantiert keine Lust hatte, beim Fahren den Hut aufzubehalten. Gleichzeitig machte Piëch der Hutablage den Garaus: Statt einer glatten Fläche war der Bereich zwischen Rücksitz und Heckscheibe auf einmal gewellt. Kein Platz mehr für Hüte. "Vorsprung durch Technik" hieß das dann.

Doch wie hutverträglich ist so ein Audi heute? Eigentlich hatte ich bei der Testwagenabteilung ja um das klassische Hutträgermodell gebeten, einen Motor mit bestenfalls 1,8 Liter Hubraum; was man früher halt so fuhr, als die Farbe Braun den Innenraum jedes Audi dominierte und die Liste mit lieferbaren Extras gerade mal zehn Positionen umfasste. Blöd nur: So ein Auto hat Audi gar nicht mehr im Programm. Also haben sie mir einen Wagen hingestellt, den 225 Pferdestärken treiben, der schon im Grundpreis rund 43000 Euro kostet und der so viel Zubehör mitschleppt, dass er am Ende über 60000 Euro liegt. Hut ab, wer sich das leisten kann. Ein richtiges Hutträgerauto jedenfalls ist das nicht. Das ist das erste Handicap dieses Tests.

Das zweite: Hamburg ist keine Stadt für Hüte. Hier trägt man Mütze. Den Fleetenkieker zum Beispiel. Oder den Elbsegler. Eine Lotsenmütze eben, so wie man sie auch von Helmut Schmidt kennt. Und der kauft bei Walther Eisenberg.

Seit 1892 gibt es das kleine Geschäft in der Hamburger Innenstadt. Wer die Ladentür öffnet, betritt eine andere Welt: An den Wänden alte Schwarzweißfotos, in der Luft ein Geruch wie aus einem Kleiderschrank, der lange nicht gelüftet wurde. Und überall Regale voller Mützen. So stellt man sich den Laden eines alten Mannes vor, der mit zittrigen Händen an seiner Maschine Mütze um Mütze näht.

"Wo ist denn Herr Eisenberg?", frage ich den Mann hinterm Tresen, er ist vielleicht so jung wie ich. Der Mann sagt: "Herr Eisenberg bin ich."