Bagdad
Am Tag der Wahl glich Bagdad einer Geisterstadt. Etwas Schlimmes schien bevorzustehen. Auch die hohe Beteiligung der Kurden und Schiiten konnte dieses Gefühl nicht vertreiben. Die Tatsache, dass die Sunniten den Wahlen fernblieben, nimmt eine Teilung des Landes quasi schon vorweg. Daher auch dieses Unbehagen auf den Straßen Bagdads. Es ist zugleich die Angst vor der Zukunft.

Für die Schiiten war der Sonntag mit Sicherheit ein historischer Tag. Endlich können sie an der Macht teilhaben. Für sie, die immer von der sunnitischen Minderheit unterjocht wurden, ist die Stunde der Wiedergutmachung gekommen. Vor allem der Wunsch, endlich etwas zu zählen im Irak, hat die Schiiten an die Wahlurnen getrieben – trotz aller Drohungen des Terroristen Abu Musab al-Sarqawi. Großajatollah Ali Hussein al-Sistani hat Wählen sogar zu einer religiösen Pflicht für die Schiiten erhoben. Sein Konterfei war überall in Bagdad zu sehen, obwohl er nicht kandidierte, sondern nur mit einer schiitischen Wahlliste in Verbindung gebracht wurde.

Insgesamt war der Wahlkampf, er fand ausschließlich mit Hilfe von Wahlplakaten statt, von religiösen Symbolen dominiert. Die "Anordnungen" al-Sistanis haben selbst einen Radikalen wie Muqtada al-Sadr und seine Mahdi-Miliz in Zaum gehalten. Diese Milizionäre haben sich an den im Oktober mit den Amerikanern geschlossen Waffenstillstand gehalten. "Keine Kämpfe vor den Wahlen", sagte Khadum, einer von Muqtadas Anhängern in Sadr City. "Nach den Wahlen werden wir sehen!" Was Muqtada vorhat, kann wenige Tage nach der Wahl kaum einer sagen. Vielleicht versucht er, sich mit seiner Stillhaltepolitik eine Rückkehr ins zivile Leben zu erkaufen. Denn offiziell wird er immer noch wegen Mordes an dem Geistlichen Ajatollah Abdel Madschid al-Choi gesucht.

Die Religion war jedenfalls die dominierende Macht bei diesen Wahlen. Viele befürchten, dass nun eine islamische Republik nach dem Modell des Iran eingeführt wird. Al-Sistani sagt zwar immer, dass ein islamischer Staat von Zivilisten und nicht von Mullahs regiert werden solle – aber das Misstrauen bleibt. In erster Linie fürchten sich die Frauen vor einem islamischen Staat. Deshalb sind sie zahlreich zu den Wahlen gegangen. Viele entschieden sich für den säkularen Schiiten Ijad Allawi, den Ministerpräsidenten.

Auch viele irakische Christen scheinen sich für ihn entschieden zu haben, weil er "stark ist", wie viele sagen, die ihn wählen, "und in der Lage, die Terroristen zu eliminieren". Unter den Christen vor den Wahllokalen haben wir sogar ein paar Saddam-Hussein-Nostalgiker getroffen. "Da gab es wenigstens Sicherheit", sagt etwa Maraim, "meine Töchter konnten auch spät nach Hause kommen. Ohne Gefahr. Und heute? Heute will ich nur mehr auswandern!" Viele irakische Christen wollen das Land verlassen. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in ihrer Heimat.

Deshalb wurde vieles getan, damit die Menschen abstimmen. Angeblich gab es in manchen Wahllokalen eine Bestätigung für den Wähler, dass er gewählt habe. Nachdem die Wahllisten aufgrund des UN-Programms "Öl für Nahrung" erstellt wurden, fürchteten viele, dass sie auch diese Essensrationen nicht mehr bekommen könnten, wenn sie nicht wählen gingen. Für viele sind die Lebensmittelhilfen immer noch die einzige Möglichkeit, zu überleben. Mithal, ein Schiit, hat sich wegen dieser Zweifel entschlossen, zu wählen, oder besser: hinzugehen und nicht zu wählen. "Ich habe einen weißen Stimmzettel abgegeben", sagt er. Genauso hat es der junge Ministerialbeamte Salman immer gehalten, wenn Saddam Hussein wieder einmal Wahlen organisierte. Salman ging damals ins Wahllokal, weil er sich vor Repressalien des Diktators fürchtete. Jetzt hingegen hat er sich entschieden, überhaupt nicht abzustimmen. Nicht nur weil er in einem sunnitischen Viertel lebt und sich daher bedroht fühlte. Er ging auch aus Überzeugung nicht. "Ich vertraue keinem einzigen Kandidaten. Sie sind alle von außen gekommen. Sie haben unsere Leiden nicht geteilt. Sie sind korrupt und Marionetten in der Hand der Amerikaner. Sie haben die Zerstörung Falludschas auf dem Gewissen. Wie könnte ich sie wählen?"

Im Irak herrschte die Angst vorm Nichtwählen ebenso wie die Angst vorm Wählen. Beides war begründet. Die Drohungen des Terroristen al-Sarqawi waren nicht nur leere Worte. Sonntagmorgen waren in Bagdad schon die ersten Explosionen zu hören. Dreißig Menschen sollten sie das Leben kosten. Im "sunnitischen Dreieck" sind viele Wahlbüros gar nicht erst geöffnet worden. Die "Nichtwahl" der Sunniten ist aber nicht nur ein Ergebnis des Terrors, sondern auch die Folge einer Empfehlung des einflussreichen Rates der sunnitischen Parteien. Sie lehnen eine Wahl unter der Besetzung durch amerikanische Truppen grundsätzlich ab. Die sunnitische Bevölkerung hat mehr als andere die Spirale der Gewalt zu spüren bekommen, denn sie ist eingeklemmt zwischen Terroristen und Besatzern. Der Abzug der ausländischen Truppen ist für die Sunniten zur Priorität geworden, nachdem die terroristischen Aktionen immer wieder kollektive Bestrafungen durch die Besatzer zur Folge hatten. Das war in Falludscha so, in Samarra und in Mosul.