Am Ende, so kennen wir es aus den frühen Stücken des Botho Strauß, sollte der Anfang erst richtig beginnen. Wenn alles Porzellan zerschlagen und die Liebe in Stücken lag, strömten die Paare ins Freie und suchten neue "Nistplätze für ihre Leidenschaften". Mal hier, mal dort und mal vergebens.

Heute sind die Straußschen Figuren um die sechzig, so alt wie ihr Autor. Geboren in der Stunde null und früh gereift unter der Höhensonne der Mittelschicht, waren es typische Kinder der Bundesrepublik. Ihr Glück war immer woanders, und man musste es jagen, wo man es traf. Nun hockt die ewige Jugend in der Hölle der Einsamkeit und zählt Erinnerungen wie Kleingeld.

In der Matratzengruft der Liebe gibt es "Orgasmus nur bei Ehebruch"

Die eine und die andere heißt das neue Stück von Botho Strauß, das Dieter Dorn am Münchner Residenztheater uraufgeführt hat. Es macht Inventur und feiert doch ein Wiedersehen. Strauß hat noch einmal eine Abordnung aus alten Tagen auf die Bühne gerufen, darunter bekannte Gesichter mit gemischten Gefühlen. Gekommen sind hoch dekorierte Kriegsversehrte aus dem Geschlechterkampf, gestrandete Medienarbeiter, große Klugscheißer und kleine Hoffnungsträger. Sie sind zwar nur noch Schatten ihrer selbst, doch aus den Elegien ihres Scheiterns tönt noch einmal das Echo der frühen Jahre und der zarte Schmelz der Bitternis. Erinnerungen an Lotte aus Groß und Klein wehen herüber, Kläuschen aus der Trilogie des Wiedersehens trägt unter seiner Kapuze jetzt ein Messer, und das Hotel in Königswinter ist heute eine ostdeutsche Pension. "Up and down geht die Wiege des Lebens." Im Herbst der Illusionen bleibt sie unten, ganz unten.

Nein, die Musterschüler sind alt geworden, und es geht ihnen nicht gut. Die Feministin trägt Venenstrümpfe, der Exgatte nagt am Hungertuch, und der Radio-Journalismus nährt auch niemanden mehr. Immerhin, es juckt noch, und das Leben wirft ein paar Blasen. So bei Lissie (Gisela Stein) und Insa (Cornelia Froboess), zwei Spätgereiften, unauflöslich im Hass vereint. Drei Jahrzehnte haben sie sich zerfleischt, in die Suppe gespuckt und einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Kummerfalte, die sie ins Gesicht der anderen gegraben haben, ist ihr stiller Triumph. Vor Menschengedenken hatte Lissie ihrer Freundin Insa den Ehemann Henrik ausgespannt, doch nach diesem "Raub" gab es für sie kein Glück mehr. Jede Frau hat von Henrik ein Kind, Timm und Elaine. Längst hat er sich davongemacht, wie überhaupt der "Vater" in diesem Stück fehlt, im Himmel wie auf Erden. Der Vater existiert nur als Chimäre, als Einspielschleife im Endlosband des abgelebten Lebens.

Es ist ein heißer Sommer, und alles ist eiskalt. Wenn trotzdem noch ein Fünkchen Begehren aufglühen soll, dann wiederum nur durch Raub und Rivalität. Das Wesen der Liebe scheint hier, wie so oft bei Strauß, zutiefst kapitalistisch: Leidenschaft braucht die Knappheit der Güter. Damit sie entflammt, muss erst ein Mangel erzeugt und ein Neid geweckt, eine Ehe zerstört und eine Eifersucht genährt werden. "Orgasmus nur bei Ehebruch." Als Insa am Schluss ihre letzte lieblose Liebe empfängt, weckt sie sofort die mimetische Rivalität, die Schnappmechanik des Begehrens: Liessie ist schneller und nimmt sich den Mann zur Beute.

Man kann sich der Mühe unterziehen, in diesem Stück die mythologischen Anspielungen zu suchen wie die Stecknadeln im Heuhaufen. Dann kann man die Fundstücke bildungsstolz ins Licht halten und selbstgefällig behaupten, junge Regisseure hätten von alter Bildung keinen Schimmer. Damit ist man auf der sicheren Seite. Denn wie immer beschreibt Strauß die Gegenwart als untragische Tragödie, als kümmerliche Nachwehe großer Leidenschaften – eben als Farce. Ursprünglich wurde der "Hund der Zeit" von den Göttern gefüttert, und die Geschichte war reich und das Leben satt. Heute sind die Götter verschwunden, und der Hund der Zeit streunt einsam durch die Steppe.

Früher hätte Strauß seinem Figurenvolk deshalb den tödlichen Ernst an den Hals gewünscht, zum Beispiel ein Blutgericht wie in seinem Drama Ithaka. Heute wartet auf die Gegenwartsinsassen nicht das Ende, sondern ein Engel. Er heißt Elaine (Juliane Köhler) und spielt auf Jürgen Roses Bühne die heimliche Hauptrolle. Auf den ersten Blick ist Insas Tochter ein Kind der Zeit; eine Selbstquälerin vor dem Herrn, sie ritzt und schlitzt sich mit Messer und Gabel, und dann weiß sie, dass sie noch lebt. Dabei wirkt sie wie ein Zwitter- und Prothesenwesen mit beschichteter Seele und künstlichen Körperteilen, verwandt mit Olympia, der "unzerstörbaren Puppe". Tatsächlich ist Elaine unter all den Unberührten die Sanftmut in Person und trägt das Kreuz der Welt. Wenn sie auf ihrem Passionsweg getreten und gestoßen wird, hält sie auch die andere Wange hin. Gottverlassen sucht Elaine ihr Golgatha, die "reale Gegenwart" des Leidens. In der Wohnung ihres Halbbruders Timm lässt sie sich ans Kreuz schlagen. Doch es ist nur eine "Kunstaktion".