Schrift Die Studenten der S-Klasse

An der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst lernen Designer, wie aus Bögen Buchstaben werden – in Deutschlands einziger Schriftklasse

Walter Tiemann taucht nicht auf in der Überschrift dieses Textes. Aber es ist seine Überschrift. Genauer gesagt: seine Schrift. 1923 hat er sie entworfen, und sie ist nach ihm benannt: Tiemann Antiqua. Damals war der Buch- und Schriftgestalter Direktor der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig.

Deren Nachfolgerin, die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), will nun wieder führend werden in Tiemanns Fachgebiet. Seit diesem Wintersemester gibt es erstmals seit Jahren wieder eine Klasse für Schrift – »soweit wir wissen, die einzige solche Klasse an einer deutschen Kunsthochschule«, betont HGB-Sprecherin Marion Sprenger. Es gebe weitere Fach- und Kunsthochschulen, die Schrift unterrichten, aber nicht in dieser Ausbildungsform. Wer in Leipzig in die Schrift-Klasse geht, für den besteht das Hauptstudium aus wenig mehr als Schrift.

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Sie sollen 500 Jahre alte Schriften Stempel für Stempel nachbauen

Nur 5 der 450 HGB-Studenten sitzen in der SKlasse. 5 junge Männer, die spezialisierte Diplom-Grafikdesigner werden wollen, Schriftentwerfern, Typografen. Am Dienstagnachmittag um zwei Uhr trifft die Klasse zusammen. Die fünf sitzen auf roten Plastikstühlen in einem hohen, mit Holz ausgelegten Raum aus dem Jahr 1890. Sie lauschen dem, was Professor Fred Smeijers introductie nennt – der 43Jährige im schwarzen Pullover ist Niederländer, ab und zu schleicht sich eine heimische Vokabel in sein Deutsch. Er erklärt seinen Studenten, dass sie eine Schrift nachahmen sollen, die 1501 von einem italienischen Drucker entworfen wurde.

Der Mann hat damals Stempel geschnitten, mit denen dann die Gussformen für die benötigten Bleilettern hergestellt wurden. Smeijers’ Studenten nutzen dafür heute den Computer. »Wir können das digital nachbauen«, sagt der Professor. Die Studenten legen los. In ihrem Grafikprogramm setzen sie Pixel für Pixel in ein Raster, bis aus vielen Bildpunkten ein erster Buchstabe entsteht. »Es wirkt zum Teil sehr antiquiert, aber es ist der richtige Ansatz«, meint Student André Loll. »Man muss erfahren, wie man diese Arbeit früher gemacht hat. Dadurch eignet man sich ein Gespür dafür an, wie man mit Schrift umgeht«, so der 30-Jährige. Er hat schon ein Designdiplom an der Leipziger Hochschule abgeschlossen – in der Schriftklasse ist er zur Weiterbildung.

Für Grafikdesigner ist Schrift ein spannendes Feld, zudem ein weltumspannendes. Schrift ist überall. Auf jedem Alltagsgegenstand findet sich ein Schriftzug. Abgesehen vielleicht vom Streichholz. Es gibt rund 50000 Schriftarten, so schätzt Fred Smeijers. Wer einen Text am Computer verfasst, kann unter sehr viel weniger Schriftarten wählen – aber immerhin sind es noch einige Dutzend, darunter bekannte wie Times und Arial.

Aber eine Schriftart passt meist in eine spezielle Zeit, wurde für einen bestimmten Zweck entwickelt. Gotische Lettern auf einem Handy-Display? Undenkbar! Von Schriftarten gehen Botschaften aus. »Die Leute haben ein Gefühl gegenüber einer Schrift«, sagt Fred Smeijers. »Und dieses Gefühl kann man ändern.«

Der Professor hat schon ganze Schriftfamilien entworfen

Smeijers kann das offensichtlich gut. Deswegen wollten ihn die Leipziger auch unbedingt engagieren. Der Niederländer hat ganze Schriftfamilien kreiert – für Großunternehmen wie Canon, Philips und Knorr, für Produkte wie DVD-Player und Rasierapparate ebenso wie für Milchpackungen oder Telefonbücher. Er weiß, dass er eine Schrift männlich wirken lassen kann, wenn er die Buchstaben eng zusammen stellt und viel Schwarz hineinfließen lässt. Oder er erzeugt eine freundlich-leichte Anmutung, mit dünnen Linien und fließenden Formen.

Gerade deshalb erzählt er seinen Studenten nicht nur etwas über das Handwerk, über Strichstärken und Bogenführung, sondern auch über den Sinn und Zweck von Schriften. »Entscheidend finde ich, dass wir hier darüber nachdenken, wofür wir das machen«, sagt Torge Stoffers. Der 32-Jährige hat vor seinem HGB-Studium zunächst ein Lehramtsstudium begonnen, dann eine Ausbildung zum Mediengestalter absolviert und schließlich in einer Werbeagentur gearbeitet. »Da benehmen sich die Kreativen, die Kommunikationsdesign oder so was studiert haben, nicht anders als Büroangestellte sonst auch«, sagt er. »Was ist im Programm? Gut, dann nehme ich eben die Schrift, die es da gibt und die ich mag.« Doch ob die Schrift hinterher in einer Zeitung erscheinen oder auf einem Bildschirm zu lesen sein soll, das werde oft vernachlässigt. Die passende Schrift hängt jedoch immer mit dem Produkt, dem Zweck und dem Anwendungsbereich zusammen, und gerade das will Fred Smeijers seinen Studenten vermitteln.

Neue Technologien erfordern neue Schriften. Aber wer neue Schriften entwerfen und Typografie weiterentwickeln will, der muss zunächst ihre Traditionen kennen. Exkurse in die Historie gehören für Smeijers ebenso zum Curriculum wie die Erforschung der schier unbegrenzten Möglichkeiten moderner Computerprogramme. Johannes Gutenbergs Buchdruck mit gegossenen beweglichen Lettern und Ottmar Mergenthalers Setzmaschine Linotype finden deshalb auch Platz im Unterricht der Schrift-Klasse. Und auch wenn Grafikdesigner heute fast nur noch mit dem Computer arbeiten, die angehenden Typografen müssen auch zu Papier und Bleistift greifen. »Das Schreiben von Buchstaben kann knallhart sein, wenn man mit dem Bleistift ein weißes Blatt Papier bearbeiten soll. Da zeigt sich, was jemand kann«, erklärt der Professor.

Die Absolventen der S-Klasse werden später einmal etwas Besonderes sein, nur sehr wenige Menschen arbeiten heute als Schriftentwerfer. »Aber es ist ein Beruf«, darauf besteht Smeijers. Ein Beruf, der ganz viel Fachwissen erfordere – und Kommunikationstalent, um die Kunden zu überzeugen, die eine neue Schrift nutzen sollen.

Schließlich müssen viele Auftraggeber erst für die Wichtigkeit von Schriften sensibilisiert werden. »Nicht dass der sagt: Oh Gott, dieser Typ hat mir nun eine halbe Stunde was über Bögen erzählt. Dafür soll ich Geld ausgeben? Das bleiben doch nur Buchstaben!«, sagt Torge Stoffers. Er setzt auch in diesem Punkt auf die noch vor ihm liegenden Semester 5 bis 10: »Wir werden hier lernen, verständlich über das zu reden, was wir machen.«

 
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