Schrift Die Studenten der S-KlasseSeite 2/2
Smeijers kann das offensichtlich gut. Deswegen wollten ihn die Leipziger auch unbedingt engagieren. Der Niederländer hat ganze Schriftfamilien kreiert – für Großunternehmen wie Canon, Philips und Knorr, für Produkte wie DVD-Player und Rasierapparate ebenso wie für Milchpackungen oder Telefonbücher. Er weiß, dass er eine Schrift männlich wirken lassen kann, wenn er die Buchstaben eng zusammen stellt und viel Schwarz hineinfließen lässt. Oder er erzeugt eine freundlich-leichte Anmutung, mit dünnen Linien und fließenden Formen.
Gerade deshalb erzählt er seinen Studenten nicht nur etwas über das Handwerk, über Strichstärken und Bogenführung, sondern auch über den Sinn und Zweck von Schriften. »Entscheidend finde ich, dass wir hier darüber nachdenken, wofür wir das machen«, sagt Torge Stoffers. Der 32-Jährige hat vor seinem HGB-Studium zunächst ein Lehramtsstudium begonnen, dann eine Ausbildung zum Mediengestalter absolviert und schließlich in einer Werbeagentur gearbeitet. »Da benehmen sich die Kreativen, die Kommunikationsdesign oder so was studiert haben, nicht anders als Büroangestellte sonst auch«, sagt er. »Was ist im Programm? Gut, dann nehme ich eben die Schrift, die es da gibt und die ich mag.« Doch ob die Schrift hinterher in einer Zeitung erscheinen oder auf einem Bildschirm zu lesen sein soll, das werde oft vernachlässigt. Die passende Schrift hängt jedoch immer mit dem Produkt, dem Zweck und dem Anwendungsbereich zusammen, und gerade das will Fred Smeijers seinen Studenten vermitteln.
Neue Technologien erfordern neue Schriften. Aber wer neue Schriften entwerfen und Typografie weiterentwickeln will, der muss zunächst ihre Traditionen kennen. Exkurse in die Historie gehören für Smeijers ebenso zum Curriculum wie die Erforschung der schier unbegrenzten Möglichkeiten moderner Computerprogramme. Johannes Gutenbergs Buchdruck mit gegossenen beweglichen Lettern und Ottmar Mergenthalers Setzmaschine Linotype finden deshalb auch Platz im Unterricht der Schrift-Klasse. Und auch wenn Grafikdesigner heute fast nur noch mit dem Computer arbeiten, die angehenden Typografen müssen auch zu Papier und Bleistift greifen. »Das Schreiben von Buchstaben kann knallhart sein, wenn man mit dem Bleistift ein weißes Blatt Papier bearbeiten soll. Da zeigt sich, was jemand kann«, erklärt der Professor.
Die Absolventen der S-Klasse werden später einmal etwas Besonderes sein, nur sehr wenige Menschen arbeiten heute als Schriftentwerfer. »Aber es ist ein Beruf«, darauf besteht Smeijers. Ein Beruf, der ganz viel Fachwissen erfordere – und Kommunikationstalent, um die Kunden zu überzeugen, die eine neue Schrift nutzen sollen.
Schließlich müssen viele Auftraggeber erst für die Wichtigkeit von Schriften sensibilisiert werden. »Nicht dass der sagt: Oh Gott, dieser Typ hat mir nun eine halbe Stunde was über Bögen erzählt. Dafür soll ich Geld ausgeben? Das bleiben doch nur Buchstaben!«, sagt Torge Stoffers. Er setzt auch in diesem Punkt auf die noch vor ihm liegenden Semester 5 bis 10: »Wir werden hier lernen, verständlich über das zu reden, was wir machen.«
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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