Unis im Ausland Willkommen in Wien!
Nach einer Klage der EU fürchtet Österreich den Ansturm deutscher Studenten
Wegen eines schlechten Abiturs am Numerus clausus gescheitert? Keinen Studienplatz bekommen? Für deutsche Abiturienten könnte es bald einen neuen Ausweg geben: Österreich. Dort gibt es außer dem Abitur keine weiteren Studienvoraussetzungen, die freie Studienplatzwahl ist garantiert – bislang allerdings nur für Österreicher. Nach einer Klage der EU-Kommission dürfte sich das in Zukunft ändern: Studienplätze für alle, auch für Deutsche. Genau davor fürchtet man sich derzeit in Wien. Der Ansturm der Deutschen könnte das österreichische Bildungssystem zum Kippen bringen.
Als einziges Land der Europäischen Union kennt Österreich noch den offenen Hochschulzugang. Wer den österreichischen Pass besitzt, kann das Abi-Zeugnis – und sei es auch noch so schlecht – als Eintrittsticket in die Uni verwenden. Andere EU-Bürger müssen hingegen eine weitere Hürde überwinden: Sie brauchen den Nachweis eines Studienplatzes in ihrer Heimat. Für Zehntausende deutsche Studenten ist das dank Numerus clausus unmöglich. Nach Meinung der EU-Kommission ist das Diskriminierung. Darum hat die Kommission Österreich vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verklagt. Nun hat der EU-Generalanwalt Francis Jacobs sein Schlussplädoyer verfasst. Österreich indes rechtfertigt seine Praxis: Würden alle europäischen Studenten gleich behandelt, könnte das Bildungssystem zusammenbrechen. Der EU-Generalanwalt kontert: Wenn das Gedränge an den Unis zu groß werde, dann müsse eben die Leistung, nicht die Staatsbürgerschaft zählen.
Der Europäische Gerichtshof wird den Fall wohl noch dieses Jahr entscheiden. In 80 Prozent der Fälle schließt er sich den Ausführungen seines Generalanwaltes an. Sollte es auch diesmal so sein, könnten Deutsche sofort nach Wien umsiedeln. Offiziell wird nun beschwichtigt. Der zuständige Ministerialbeamte Sigurd Höllinger glaubt nicht an den Massenexodus deutscher Abiturienten. Akademiker, so seine Prognose, seien nicht so mobil, wie man glaubt.
Über 20000 deutsche Abiturenten scheitern allein in Medizin jedes Jahr am Numerus clausus, sie alle hätten in Zukunft das Recht auf einen Studienplatz in Österreich. Doch im ganzen Land gibt es gerade einmal 1500 Medizinstudienplätze. Rudolf Mallinger, Vizerektor an der Uni Wien, sagt: »Die drei österreichischen Medizin-Unis verkraften keine 1000 zusätzlichen Medizinstudenten.« Dazu kommen noch rund 1000 deutsche Studenten, die jedes Jahr an der deutschen Budapester Semmelweis Uni für Medizin abgewiesen werden, auch für sie gäbe es keine Barrieren mehr.
Deutsche Studenten sollten sich mit ihrem Neuanfang an Österreichs Universitäten allerdings beeilen. Denn als Ausweg will die Wiener Regierung den offenen Hochschulzugang nun möglicherweise ganz abschaffen. Das offene System, so betonen die Rektoren, habe ohnehin nicht den sozial benachteiligten, sondern den reichen Bürgerkindern genützt. In »Studieneingangsphasen« will nun etwa Wiens Rektor Georg Winckler die besten Studenten ausfindig machen. Keinesfalls soll ein Numerus clausus eingeführt werden. Winckler gibt jedoch zu, dass das sozialstaatlich geprägte Österreich bei der Selektion von Studenten »überhaupt keine Erfahrung« habe.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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