kunst Das Geheimnis des Soldaten

Stille Sensation in Schwerin: Die Bilder des jungen Alten Meisters Carel Fabritius

Er ist ein Schrecknis, der Distelfink, dieser Stieglitz da am goldenen Kettchen auf seinem Futterkasten, ein Schrecknis für die Kunstwissenschaft, denn was soll er bloß bedeuten? Er ist auf Holz gemalt – hatte das Bild vielleicht gar keinen Rahmen, sondern diente als Türchen, oder war es in eine Täfelung eingelassen? Ein Augentäuscherspiel? Und wo sind nur die »Bezüge«, die biblischen, die mythologischen, historischen, wenigstens die ornithologischen, oder hat es etwas mit Äsop zu tun? Kein Infrarot, kein Röntgenstrahl kann uns das Geheimnis verraten. Da ist nichts als dieser hölzerne Kasten, die beiden Sitzstangen, das Kettchen, der Vogel. Und dieser kleine, enorme Mauerfleck, den der Maler uns zeigt, der Meister »C. Fabritius«, so steht es, mit der Jahreszahl 1654, halb in die Farbe des Bildes geschrieben, halb in den Putz der Wand gekratzt.

Die Kunstwissenschaft bekommt ihn einfach nicht zu fassen, den Distelfinken. Jeder aber kennt ihn, jeder liebt ihn, den schwermütig hochmütigen Vogel, er ist nicht nur in den Niederlanden so populär wie Rembrandts Nachtwache. Und wer ihn etwas gelblich nachmittäglich aus dem Den Haager Mauritshuis in Erinnerung hat, wo er gewöhnlich Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring bezwitschert, der wird sich freuen, ihn jetzt in Schwerin, frisch restauriert, im Morgenlicht zu sehen, so wie Fabritius ihn gemalt hat.

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Darum geht es bei dieser Ausstellung mit Leihgaben aus aller Welt, die ursprünglich schon vor einem Jahr in Schwerin eröffnet werden sollte, dann jedoch zunächst im Herbst in Den Haag weit über 70000 Besucher begeisterte: Ein ganz Großer der Weltkunst soll wieder sichtbar werden, ein jung verstorbener Alter Meister, von dem nur eine Hand voll Werke geblieben sind. Diese aber zeigen ihn, wie man so gern von der Sporttribüne herab sagt, »gleichauf« mit Rembrandt, in dessen Amsterdamer Atelier er eine kurze Zeit verbrachte, und Vermeer, in dessen Heimatstadt Delft er zuletzt lebte und starb. Wie diese beiden fragt er kühn nach dem Wesen und den Grenzen des Sichtbaren, fordert die Macht des Lichtes heraus, spielt spöttisch mit den Gesetzen der Perspektive, experimentiert mit der Kraft der Farbe.

Carel Fabritius war zu seiner Zeit kein Unbekannter, doch nach seinem jähen Tod bald vergessen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er zögernd wiederentdeckt, aus dem Schatten Rembrandts gelöst. Erst 1981 wagte der Kunsthistoriker Christopher Brown ein Werkverzeichnis; natürlich ging der Zank weiter. Nicht zuletzt auf dem Karussell des Rembrandt Research Project wurde munter ab- und zugeschrieben. Immer noch streben die Urteile heftig auseinander, ob, zum Beispiel, Katalog Nummer 13, Porträt einer Frau im Profil, wirklich von der Hand des jungen Malers ist. Oder ob die eindrucksvolle Enthauptung Johannes des Täufers wohl als echtester »Fabritius« gelten darf, ein Bild, das 1801 vom Rijksmuseum als erster »Rembrandt« überhaupt angekauft worden war.

Denn dass er um das Jahr 1642 in Rembrandts Werkstatt gearbeitet hat, steht außer Zweifel. Da ist er, 1622 als erstes von 11 Kindern einer Lehrerfamilie in dem Flecken Middenbeemster bei Amsterdam geboren, schon 19,20 Jahre alt und also gewiss kein Lehrling mehr. Gerade hat er geheiratet, doch innerhalb kürzester Zeit verliert er seine Frau und die gemeinsamen drei Töchterchen. 1650 heiratet er erneut, Agatha van Pruyssen, die aus Delft stammt, er folgt ihr in ihre Heimatstadt. Hier werden seine Frau und er, sein Schwiegervater, der Lehrling und ein Kunde, der ihm gerade Porträt sitzt, zusammen mit Hunderten anderer Menschen am 12. Oktober 1654 das Opfer einer Katastrophe. Das Delfter Munitionsdepot im alten Pulverturm ’tSecreet van Hollandt entzündet sich und explodiert; das Haus des Malers steht nicht weit davon, es wird komplett zerstört.

Eine Wand aus melancholischer Wut

Ob er in Delft den jungen Vermeer kennen gelernt hat, bleibt ungewiss, wie vieles aus der Zeit bei Rembrandt in Amsterdam oder im Verhältnis zum Bruder Barent, ebenfalls ein Maler (kein schlechter und in der Ausstellung leider ein bisschen arg ignoriert). Doch so wenig wir von Carel Fabritius wissen, so deutlich steht er uns vor Augen, in zwei grandiosen Selbstporträts aus den Jahren 1647/48 und 1654: Hier noch mit der lauten Behauptung der Jugend im Blick und auf den leuchtenden Lippen, mit fallenden Locken und das Hemd über der Brust gelöst, gegen eine grünlich-braune Wand, die, wie in melancholischer Wut gemalt und gespachtelt, den Raum hinter ihm verschließt; dort, rund sieben Jahre später, in der Gewissheit der Meisterschaft, mit einer schief gemalten Schnalle auf der Schulter und hinter sich lässig ein Himmel.

In diesen und anderen Porträts, wie dem hinreißenden Bildnis des Seidenhändlers Abraham de Potter, ist alles Farbe. Die Farben sind die Zeit, der Moment, die Gestalt, Stimmung und Selbstgefühl. Er ist kein Feinmaler, wie Gerrit Dou, der unter einer Lupe arbeitet, ist weit entfernt von van Goyen, der mit dem Pinsel zeichnet.

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