Davos nicht mehr langgeht

Glamour-Kapitalismus oder: Weltforum goes Hollywood

Auch das hat Karl Marx nicht vorausgesagt: die Starparade als höchste Form des Kapitalismus. Vor 35 Jahren hatte das World Economic Forum (WEF), so der Berkeley-Philosoph John Searle, als intellectual candy store begonnen, als Bonbonniere frischer Ideen. Diesmal trugen die Pralinen die Gesichter von Sharon Stone, Richard Gere und Angelina Jolie. Diese Stars haben die Blairs, Chiracs, Clintons und Schröders, die Clements und Merkels zu Chargen reduziert, von den Dax- und Dow-Jones-Bossen ganz zu schweigen.

Sharon Stone hat innerhalb von zehn Minuten eine Million Dollar für Afrika gekeilt - bei diesem Tempo wird sich Schröder mit seiner halben Milliarde Euro für die Tsunami-Opfer, die noch im Haushaltsloch liegen, sputen müssen. Es war eine Orgie des Edlen und Guten, Kapitalismus als competitive compassion, als Wettbewerb der Wohltaten. In Porto Allegre, dem Gegen-WEF, müssen sich die Attacker und Globophoben heftig gegrämt haben: Die klauen uns die Show!

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Das WEF ist die coolste Party auf Erden, und es tut Gutes obendrein. Dennoch sei abermals ein nörgelnder Einwand gestattet: Etwas weniger Zauberberg, etwas mehr von den harten Entscheidungen, die im Motto des diesjährigen WEF angekündigt wurden. Warum nur eine Sitzung über den Irak am Vorabend von Wahlen, welche die Zukunft von Nahost umkrempeln könnten? Warum nur ein Seminar zum Terrorismus, der die Welt jenseits vom Parsenn in den Klauen hält? Könnte man nicht den berühmten Davos Consensus ein wenig auflockern, der das wohlige Wir-Gefühl um den Preis einer Lawine von Klischees und Banalitäten erkauft?

Nun denn, das WEF wird sich sein fantastisches Erfolgsrezept - Bloß niemanden ärgern - nicht ausreden lassen. Deshalb ein kleiner Vorschlag zur Güte. Richten wir irgendwo im weitläufigen Kongresszentrum eine Quarantäne-Station ein. Dort könnten die Professoren und Plutokraten, die Profithaie und sogar ein paar Politiker unbeobachtet über die wirklich harten Entscheidungen streiten. Derweil in der Beletage Entwicklungshilfe gepredigt wird, könnten die da unten darüber räsonnieren, warum auch die massivste Hilfe (wie in Afrika) nicht zu Entwicklung führt. Warum Globalisierung kein Teufelswerk, sondern der richtige Weg zum Wohlstand ist.

Warum die Tobin-Steuer töricht ist. Warum, wie Blair dozierte, die wahre Verantwortung von Big Business das Geschäft und der Profit seien.

Dann könnte man sich (intellektuell) die Köpfe einschlagen und hinterher erschöpft, aber um ein paar Einsichten reicher mit den guten Menschen aus der Beletage zur nächsten Party wandern - Hand in Hand, und vielleicht erwischt man im Dunkeln auch die von Sharon Stone.

 
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