Die alte Angst vorm Apparat

Alle Räder stehen still, wenn der deutsche Geist es will: Über philosophische Technikfeindlichkeit, marginalisierte Ingenieure und verdächtigte Innovationen

Deutschlands geistiges Verhältnis zur Technik ist traditionell gestört. Zwischen den philosophischen und staatswissenschaftlichen Disziplinen auf der einen Seite und den natur- und technikwissenschaftlichen auf der anderen gähnt seit fast zwei Jahrhunderten ein Abgrund des Misstrauens. Der verspätete Versuch nach dem Ersten Weltkrieg, die romantischen Sehnsüchte nach einer verlorenen Gemeinschaft der vorindustriellen Geschichte zu versöhnen mit der technischen Leistungskraft der Moderne, sollte auf katastrophale Weise im Nationalsozialismus scheitern.

Seither geistern die traditionellen Themen der Technikkritik, von ihrer konservativen ideologischen Zielsetzung befreit, weiter durch den kulturellen Alltagsdiskurs. Die Innovationskampagne der Bundesregierung stößt zumindest in den Feuilletons des Landes auf geballte Ironie. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Gesellschaftskritiker des technischen Fortschritts die Tiefe jenes Abgrunds seit eh und je ausgemessen haben. Das können sie einfach besser. Davon leben sie.

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Die Ingenieure und Naturwissenschaftler werden immer noch haftbar gemacht für die Entzauberung der Welt. Beklagt wird eine hemmungslose Überwältigung von Natur. Hier liegt der Ursprung des politischen Erfolgs der Grünen. Das Thema der Verdinglichung menschlicher Existenz in Gesellschaft nach Vorgaben berechenbarer Zweckmäßigkeit in Produktion und Verwaltung beherrschte die Soziologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Kein anderes Land hat eine differenziertere Sprache zur Kritik der technischen Moderne entwickelt als unseres. Noch ehe die erste Lokomotive in Deutschland fuhr, entfalteten sich die akademischen Machtkämpfe um die Interpretationshoheit im gerade heranwachsenden deutschen Bildungsbürgertum angesichts der technischen Durchbrüche im Ausland. Und als es die Eisenbahn schließlich auch hierzulande gab, weigerte sich die königlich-preußische Stadtverwaltung Berlins jahrelang, Gleisanlagen und Bahnhöfe in der Hauptstadt zu bauen - weder glaubte sie an ihren Sinn, noch gefiel ihr die Vorstellung, dass die geistigen und polizeylichen Mauern um die Stadt von jedermann unkontrolliert überschritten werden könnten. Hinter der industriellen Verspätung der Nation steckte Angst vor Veränderung.

Dieser Staat ist weiterhin die Domäne der Juristen, der Geistes- und Staatswissenschaftler, nicht der Ingenieure und Naturwissenschaftler. Die anwendungsorientierten Naturwissenschaftler sitzen immer noch unten in den Maschinenräumen. Kaum ein deutsches Kabinettsmitglied könnte erklären, wie ein Computer funktioniert. Kein Bankier weiß genau, warum Hängebrücken nicht abstürzen, und jedem Bundeskanzler fiele bei der Nennung des Betonkalenders allenfalls der Vermittlungsausschuss ein. Aber die meisten wären sehr wohl in der Lage, die Sorgen einer Gesellschaft auszudrücken, die ihre Selbstbeherrschung abgegeben habe an den Inbegriff des Unbehagens, an die Maschine.

Die kritische, wenn nicht gar neidische Distanz der Geisteswissenschaften angesichts der technisch-industriellen Revolution mag darin begründet sein, dass sie sich auf deutschem Boden um ein gutes halbes Jahrhundert verspätet hatte. Während für einen Condorcet oder einen Saint Simon wissenschaftlich-technischer Fortschritt die Voraussetzung einer vernunftgeleiteten Zivilisation darstellte, schlug Hegel einen Grundton an, der noch fast zwei Jahrhunderte später nachhallt und die Technikfeindlichkeit auf der Linken und der Rechten gleichmäßig beflügelt. In seiner Jenenser Realphilosophie heißt es: In der Maschine hebt der Mensch selbst seine formale Tätigkeit auf und lässt sie ganz für sich arbeiten. Aber jener Betrug, den er gegen die Natur ausübt, rächt sich gegen ihn selbst - ... je mehr er sie unterjocht, desto niedriger wird er selbst ... und das Arbeiten, das ihm übrig bleibt, wird selbst maschinenmäßiger.

Die Kernthesen der weiterhin vorherrschenden Technikkritik wurden hier nur ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung der Webmaschine versammelt: Der Mensch setze alles aufs Spiel, indem er Arbeit, also sein Eigenes, an einen Apparat delegiere. Er werde sich selbst fremd. Hegels Menschenbild ist in dieser Passage geformt nach dem abstrakten Bild des mittelalterlichen Handwerkers, des freien Bauern oder des Renaissance-Künstlers in seiner autonomen Auseinandersetzung mit Natur. Es ist ein illusorisches Bild, ungetrübt von historischen Wirklichkeiten, als da wären: Krankheit, Hunger, Armut, niedrige Lebenserwartung oder religiöse und politische Beschränkungen aller Art.

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