Eine Portion Mut, bitte

Das erste Restaurant für Magersüchtige hat in Berlin eröffnet

Das Restaurant Sehnsucht in der Dortmunder Straße in Berlin-Tiergarten ist leicht zu übersehen. Es schmiegt sich, leicht zurückgesetzt, in die Seitenstraße, und auch seine Inneneinrichtung fällt nicht wirklich auf: sonnengelbe Wände, Plüschsofas und ein mit Rosen gefüller Champagnerkübel auf dem Tresen. Dezentes Ambiente für eine ungewohnte Form der Gastronomie: das weltweit erste Restaurant für Magersüchtige.

Das Sehnsucht ist keine soziale Einrichtung, es soll ein Ort für jedermann sein, auch Nichtmagersüchtige dürfen hier Platz nehmen. Die Portionen sind nicht kleiner als anderswo. Ich wollte ein Restaurant, wo Essgestörte lernen, dass essen Spaß machen kann. Und wo sie sich nicht outen müssen, wenn sie es nicht wollen, sagt Katja Eichbaum, die Inhaberin. Vielen Gerichten der Speisekarte hat Eichbaum fantasievolle Namen gegeben - um das in ihrer Klientel heikle Thema der Zutaten zu umgehen: Schutzengel heißt ein Buttermilch-Parfait, Seele eine Cappuccino-Creme auf Biskuit, Heulsuse die Zwiebelsuppe. Ich denke, es ist für Essgestörte leichter, zu sagen: >Ich könnte einen Schutzengel vertragen<, als: >Ich hätte gern ein Buttermilch-Parfait.<

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Die Zielgruppe eines solchen Restaurants ist enorm: Etwa 700 000 Menschen in Deutschland leiden unter Bulimie oder Magersucht. Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Und sie steigt weiter. Katja Eichbaum, 33, kennt die Kankheit aus eigener Erfahrung. 15 Jahre lang kämpfte sie mit ihrer Magersucht. Es begann, als sie 15 war. Eichbaum hungerte, aß manchmal nur einen Jogurt und einen Apfel am Tag. Es folgten heimliche Essgelage: Kekse, Kuchen, Schokoriegel, danach 25 Abführtabletten. Als sie 2003 in die Berliner Charité eingeliefert wurde, wog sie, 1,69 Meter groß, gerade 45 Kilo.

Danach beschloss Eichbaum, ein Restaurant zu eröffnen, um Leidensgefährten zu helfen - schließlich hatte sie früher als Kellnerin gearbeitet. Der Bankkredit wurde abgelehnt. Ihr Vater lieh ihr Geld, Freunde renovierten ohne Bezahlung. Heute ist Eichbaum stolz auf ihre Küche. Auch der Koch und die Kellnerin leiden unter Essstörungen.

Um niemanden optisch zu überfordern, wird das Frühstück auf einer dreistufigen Etagere serviert: ein kleiner Teller mit Brötchen, ein zweiter mit Rührei, der dritte mit Schinken und Käse. Gegrilltes Fleisch und vegetarische Gratins kommen mit arrangierten Salaten oder adretten Gemüsebündeln. Desserts sind mit geschnitzten Früchten und Schnörkeln aus Schokoladensauce und Zabaione dekoriert. Magersüchtige sind kleine Gourmets, sagt Eichbaum. Wenn sie sich schon entschließen zu essen, möchten sie etwas wirklich Feines.

Spezialisten für Essstörungen loben ihre Bemühungen. Viele Essgestörte fühlen sich während der Therapie wohl, weil dort eine beschützende Atmosphäre herrscht. Erst wenn sie in die Realität zurückkehren, kommen ihre Probleme zurück, sagt Andreas Schnebel von Anad e. V., Deutschlands größter Essstörungs-Beratungsstelle. Katja Eichbaum will mehr als nur ein Restaurant.

Ein paar Häuser weiter hat sie gerade ein Beratungszentrum eröffnet, ein Psychologe wird dort arbeiten - und die Chefin bietet Kochkurse an.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 06/2005
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    • Schlagworte Restaurant | Magersucht | Berlin
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