Erneut amputiert

Bruno Preisendörfer: Preußens großer Hasardeur, ZEIT Nr. 4

Der Autor reiht sich in die Schar derer ein, die die Glorifizierungen und andere zahlreiche Zerrbilder der Nachwelt von Friedrich II. beschreiben, wenn sie vorgeben, die Person selbst darzustellen. Friedrich II. von Preußen war eine höchst widersprüchliche Figur - eine der vielen seiner Zeit. Alle ernst zu nehmenden biografischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte belegen das, entdecken Schande und Verdienste - unter anderem das angeführte Werk von Johannes Kunisch. Das einst geschönte Bild ist auch im allgemeinen Bewusstsein längst nicht mehr dominant. Weiterhin gesteht Preisendörfer der Person Friedrichs keine Entwicklung zu. Beispielsweise ergriff der König als Feldherr nicht, wie in den frühen, freilich leichtsinnig geführten Kriegen, ständig die Flucht.

Wir müssen uns der Mühe unterziehen, den Philosophen und Despoten, den Zyniker und Künstler, den Folterer und direkten Gesprächspartner seiner Soldaten, den kreativen und auch den erstarrten Wirtschaftspolitiker im Blick zu behalten. Sonst werden Personen erneut amputiert: Zar Peter der Große wird immer nur ein Reformer und nie auch ein traditioneller grausamer Despot sein, Napoleon immer der personifizierte Fortschritt und nie der Imperator und Friedrich II. von Preußen immer der militaristische Wolf im intellektuellen Schafspelz. Und jedes Mal, wenn etwas in Deutschland passiert, passiert auch etwas mit dem großen Fritz. Warum eigentlich nicht?

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DR. ING. CARSTEN LIESENBERG, ROSTOCK

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 06/2005
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    • Schlagworte Friedrich II | Literatur | Peter der Große | Bewusstsein | Rostock
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