psychologie Unterschied im ersten Glied
Eine Psychologin findet Zusammenhänge zwischen der Fingerlänge und dem räumlichen Vorstellungsvermögen von Mann und Frau
Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, wissen wir spätestens seit dem gleichnamigen Bestseller von Allan und Barbara Pease. Und nicht erst seit Erscheinen des Buches werden Klischees über die kleinen Unterschiede zwischen Mann und Frau gepflegt. Kürzlich glaubte man sogar, einen neuen wissenschaftlichen Beweis gefunden zu haben. sei hormonell bedingt, titelte der britische Sender BBC auf seiner Homepage. Andere Medien feixten, dass nun endgültig das weibliche Unvermögen bewiesen sei, ein Auto in eine Parklücke zu manövrieren. Alle zitierten eine Studie der Psychologin Petra Kempel von der Universität Gießen, die in der Online-Ausgabe des Journals erschienen war.
Doch die Forscherin ist über den unerwarteten Ruhm nicht froh. »Das sind völlig übertriebene Schlussfolgerungen«, sagt sie. In ihrem Fachartikel sei lediglich die Rede von Tests zum räumlichen Vorstellungsvermögen, bei denen etwa ein Würfel im Geiste gedreht werden müsse. »Um ein Auto einzuparken, braucht es aber noch mehr.«
Ihre Tests hatte Kempel mit der Vermessung von Ring- und Zeigefingern ihrer Versuchspersonen kombiniert. Deren relative Länge ist je nach Geschlecht verschieden: Bei Männern überragen die Ring- die Zeigefinger, bei Frauen sind beide gleich lang. Als verantwortlich dafür gilt der niedrigere Testosteronspiegel, dem weibliche Föten im Mutterleib ausgesetzt sind. Das männliche Hormon wirkt sich während der Schwangerschaft sowohl auf die Fingerlängen als auch auf die Ausdifferenzierung des Gehirns und damit auf räumlich-kognitive Fähigkeiten aus.
Im Gießener Test konnten zwar Frauen das Objekt im Durchschnitt schlechter rotieren als Männer. Frauen mit einem »männlichen«, sprich: verhältnismäßig langen Ringfinger schnitten jedoch ebenso gut wie die Männer ab. Sie waren im Mutterleib wohl einer höheren Dosis Testosteron ausgesetzt gewesen. Die Studie lässt also vermuten, dass Männer im räumlichen Vorstellungsvermögen tatsächlich überlegen sind und dass die Unterschiede auf einer biologischen Grundlage beruhen – und nicht etwa auf unterschiedlicher Erziehung.
So weit die Wissenschaft. Für einen Mann ist das jedoch noch kein Grund, sich nach einem Blick auf den Ringfinger selbstgefällig die Hände zu reiben. Der Unterschied zwischen dem Durchschnittsmann und der Durchschnittsfrau ist zwar »statistisch bedeutsam« – die Leistungen können von Mann zu Mann oder von Frau zu Frau aber wesentlich stärker differieren als zwischen den Geschlechtern. In einer Studie wie dieser kann daher auch schon mal eine Frau als Beste abschneiden und ein Mann das Schlusslicht bilden. Wie eben im richtigen Leben auch – beim Einparken zum Beispiel.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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