Das Letzte

Kaum hat das neue Jahr begonnen, befällt viele Menschen tiefe Ratlosigkeit. Wohin sollen sie reisen? Wo ist auf dieser Welt noch ein freies Plätzchen – ohne eine von uns finanzierte Hilfsorganisation, die den Strand versperrt, den göttlichen Blick auf Sonne und Meer? Haben wir Spender kein Recht, die Seele baumeln zu lassen und unsere Spendenbereitschaft aufzutanken? Für all die Ratlosen haben wir Rat. Reisen Sie nach Griechenland, zum Ursprung der Götter. Wählen Sie die Martin-Heidegger-Route, die uns Herr Norbert Wokart in der Zeitschrift für Religions- und Zeitgeschichte (4/04) noch einmal ins Gedächtnis ruft. Wer es noch nicht wusste: Heidegger bereiste 1962 Griechenland und führte sein Tagebuch im »Andenken an die Abwesenheit der entflohenen Götter und dem Vordenken in den Bereich einer Ankunft ihrer gewandelten Gestalt«. Auf geht’s! Steuern wir zuerst die Götterinsel Korfu an. »Der erste Anblick wollte mit dem, was Homer im VI.Buch der Odyssee gestalt hat, nicht zusammenstimmen. Ich blieb auf dem Oberdeck des Schiffes.« Stimmt, wo einst Höhlen und Zyklopen waren, lauern heute Cola-Automaten und Eisbuden, bei Homer nicht wirklich wichtig. Dann also Kreta, die Wiege des Zeus. »Die Fahrt nach Phaistos versagten wir uns und blieben auf dem Schiff.« Stimmt, Kretas Straßen sind eine Strafe der Götter. Dann also Patmos. »Die Insel vermochte mich nicht an Land zu locken.« Kann man verstehen. Und was ist mit dem Museum auf Delphi? Ganztägig geöffnet, im Museumscafé gibt’s Götterspeise. »Wir verzichten darauf, in das Museum Einlass zu finden.« Klar, bei den Eintrittspreisen! Auf nach Santorin, Ernst Jüngers Lieblingsinsel. Das müsste Heidegger gefallen. »Wir blieben auf dem Schiff.« Wieder nichts. Und Naxos, genannt die Leuchtende? »Wir blieben auf dem Schiff.« Und die Insel Kos? »Wir blieben wieder auf dem Schiff.« Oh je, das wird eng. Bleibt nur noch Athen. Im Nationalmuseum wimmelt es von Göttern. Heidegger: »Günstig, dass das Menschengedränge uns den Besuch verwehrte.« Stimmt, viele Menschen sind der Götter Tod. Zurück aufs Schiff, ratlos. Warten, Verzweiflung, tiefe Not. »Nur ein Gott kann uns noch retten.« Egal, welcher. Plötzlich geht die Sonne auf, alles Warten hat ein Ende. Heidegger vernimmt den »Anruf einer Weisung«. Es wird Licht. Ein Gott tritt aus der Unverborgenheit seines verborgenen Daseins und kehrt zurück in die götterlose Moderne. »Wir gedachten des Weingottes.« Na also, es geht doch! Finis

 
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