Wettskandal im Fussball In der Spielhölle

Deutschland nach dem Fall Hoyzer: Noch ist die Weltmeisterschaft 2006 zu retten – es bleiben rund 490 Tage. Reportagen, Analysen, Stimmungsbilder aus der Welt des bezahlten Fußballs

Rund 490 Tage noch bis zum Beginn der Weltmeisterschaft in Deutschland. Reicht diese Zeit, um den größten Fußballskandal seit 34 Jahren aufzuklären? Kann bis zum Anstoß in München am 9. Juni 2006 der Schaden behoben werden, der jetzt dem Fußball zugefügt wird? Das kommt darauf an, wie groß dieser Skandal noch wird, wie schnell er bereinigt wird. Und vor allem darauf, ob das Allerheiligste des Fußballs wieder in Geltung gesetzt werden kann. Denn man kann diesem Sport alles antun, und man tut es ja auch, nur eines darf man nicht: seine Wahrheit zerstören.

Entscheidend ist auf’m Platz – wie viel Trost lag stets in diesem Satz! Egal was passierte, ob Oliver Kahn im P1 entgleiste, Gerd Niebaum in Dortmund die Millionen versenkte oder Gerhard Mayer-Vorfelder in Frankfurt am Main sich noch immer im Amt hielt – worauf es dem Fan wirklich ankam, waren die 90 Minuten. Der Platz, das Fußballstadion als ein unantastbarer Ort einer für jeden sichtbaren Leistung, eine Stätte der handfesten, ehrlichen Empfindung. Auch wer nicht in der ersten Reihe saß, sondern weit weg, oben unter dem zugigen Dach einer dieser modernen Fußballarenen, wärmte sich gern mit dem Gedanken, Zeuge eines ganz und gar authentischen Geschehens zu sein. Das ist erst mal vorbei.

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Gründlich verpfiffen ausgerechnet von einem jener Männer, ohne die es keinen Fußball geben kann – einem Schiedsrichter. Selbst wenn die Fans zwischendurch »Schieber« skandierten und je nach Temperament auch »schwarze Sau«, war doch allen Südkurven der Republik irgendwie klar: Fußball geht nicht ohne Schiedsrichter. Nach dem Geständnis des Berliner DFB-»Unparteiischen« Robert Hoyzer jedoch, vier Spiele gegen Zahlung von 70000 Euro zugunsten von Wettbetrügern dirigiert zu haben, macht die bange Frage die Runde: Ist Fußball auch mit Schiedsrichter nichts? Erschüttert ist die unerschütterliche Gewissheit, allenfalls in einer Mafiarepublik lasse sich für 10000 Euro ein Fußballspiel verschieben, nicht aber in einer frommen Stadt wie Paderborn, Standort Deutschland.

Erstaunt richten sich in diesen Tagen die Blicke auf ein Etablissement namens Café King in Berlin-Charlottenburg, in dessen Hinterzimmern dunkle Gestalten den Angriff auf den guten Ruf des deutschen Fußballs unbehelligt starten konnten. Dabei lagen den Herren beim DFB Hinweise auf irritierend hohe Wetteinsätze bei diversen Ligaspielen seit August des vergangenen Jahres vor. Damals hatte der staatliche Wettanbieter Oddset, nebenbei auch im Sponsorenpool für die WM 2006, auf Eigentümlichkeiten bei Fußballspielen hingewiesen, die von Schiedsrichter Hoyzer geleitet wurden. Doch der größte Sportverband der Welt zog es vor, sich kindlich an Jürgen Klinsmanns Schwabenstreichen zu erfreuen. Insofern scheint die Überraschung des DFB-Präsidiums jetzt auch gar nicht gespielt. Die wackeren Herren und ihr wackelnder Apparat hatten einfach keine Ahnung von dem, was es so alles gibt in der Welt, was da so alles geht mit dem Internet, dem Fußball und den Milliardengeschäften privater Buchmacher.

Fußballanalytiker Paul Breitner hielt es am Wochenende für angebracht, in der ARD den ganzen deutschen Amateurfußball unter Betrugsverdacht zu nehmen. DFB-Präsident Mayer-Vorfelder saß daneben, nein, er widersprach nicht, er nahm auch niemanden in Schutz. Wer jemanden wie Mayer-Vorfelder zum Freund hat, braucht augenscheinlich keine Feinde mehr.

Sollte sich also der Verdacht bestätigen, dass auch Spiele der ersten Bundesliga manipuliert wurden, dass die Zuschauer auf dem Betzenberg in Kaiserslautern bei der Partie gegen Freiburg im November 2004 keinem Fußballspiel, sondern einem Schmierenstück beiwohnten, ist die Auswechslung in der Verbandsführung unvermeidlich. Daran ändert nichts, dass der DFB gerade eben eine »Sonderkommission Wett- und Spielmanipulationen« eingesetzt hat. Jetzt wird munter getagt bei den Verbandsfunktionären – verlässlich sechs Monate zu spät.

Helfen kann jetzt nur noch einer – der deutsche Fan

Und die große Party? Liegt bereits jetzt ein Schatten auf dem Freudenfest der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland? Die Fußballgötter, der Bundeskanzler und alle anderen, die etwas zu sagen haben in diesem Land, werden dies zu verhindern wissen. Es darf ja nichts dazwischen kommen. Denn auch dies ist Fußballfakt: Gut ein Prozent Wirtschaftswachstum bescherte die Weltmeisterschaft den französischen Gastgebern im Jahr 1998, das sozialistische Wirtschaftswunder von Premier Jospin nahm seinen Lauf. Für Deutschland soll das Ereignis ähnlich labend sein. Dafür hat man sich eine Kampagne ausgedacht, die unterschwellig immer eines sagen möchte: Wir Deutschen sind die Harmlosesten von allen. Dafür das geschlechts- und gesichtslose WM-Maskottchen Goleo, eine Art Wolpertinger mit Zottelmähne, dafür auch das Logo, das aussieht, als wolle es zu einem Kindergeburtstag einladen. Ausgerechnet dieses liebe Image verstört der Skandal mit seinem Geruch von Schiebung und Mafia.

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