Kalkutta Bis die Augen überlaufen

Als Günter Grass vor 17 Jahren nach Kalkutta reiste, sah er in der Stadt nur einen »Scheißhaufen Gottes«. Jetzt fuhr er nochmals dorthin – und war erstaunt, wie viel sich verändert hat

Der wahre Grund für seinen Besuch sitzt auf der Straße. 47 dunkle, welthungrig aufgerissene Augenpaare, 47 mühsam gebändigte Haarschöpfe, 47 fantastische Schuluniformen aus allem, was eine Altkleidersammlung hergibt. 47 Hoffnungsträger. 47 Fordernde. haben sie auf ein Pappschild geschrieben, und auf ein anderes: Der betritt jetzt die Schule, das heißt, der Nobelpreisträger macht einen Schritt von der Straße auf den Bürgersteig. Hier liegt eine graue Plastikplane, darauf hocken 47 Kinder, für die eine richtige Schule bislang so weit weg schien wie Deutschland, von wo der berühmte Mann gekommen ist, für den sie nun ein Lied singen. Ein bisschen müssen sie sich beeilen, um zehn Uhr ist Schulschluss. Dann wird das Trottoir ganz in der Nähe des Grandhotels Oberoi anderweitig gebraucht, und die Kinder gehen nach Hause. Auf die andere Straßenseite zum Beispiel, wo sie zwischen ein paar Plastiktüten wohnen. Oder sie steigen auf den Müllwagen, der sie früh am Morgen hergebracht hat und nun mit zurücknimmt zu ihrer Familie nach Dhapa, auf den größten Abfallhaufen der Stadt, der sich zu einer ganzen Landschaft ausgewachsen hat.

»Das Calcutta Social Project hat mein Leben verändert«, sagt Günter Grass, »das wollte ich wiedersehen. Dafür habe ich das ganze Kulturprogramm, Händeschütteln, Autogramme schreiben in Kauf genommen.« Vor beinahe zwanzig Jahren, bei seinem letzten, halbjährigen Aufenthalt in Kolkata, das damals noch Kalkutta hieß, wurde Grass aufmerksam auf die Initiative des pensionierten Lehrerehepaars Karlekar. Nach seiner Rückkehr 1987 widmete er ihr nicht nur sein Buch über die Stadt, Zunge zeigen, sondern wurde Förderer. Zusammen mit Freunden überweist der Schriftsteller seither jedes Jahr rund 7000 Euro an das Projekt. Nun will er sehen, wie sich entwickelt hat, was in seinem apokalyptischen Tagebuch aus der Megapolis der einzige helle Moment war.

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Wie Beckham wird er umschwärmt, alle wollen sie sein Autogramm

Eigentlich hat das örtliche Goethe-Institut Grass für zehn Tage nach Indien eingeladen, eine sentimental journey auf den Spuren des Buches, für das es seinerzeit viel Prügel gab. Viele Bengalen waren entsetzt über den finsteren Spiegel, den der Dichter ihnen seinerzeit schreibend und zeichnend mit körnigem, schwarz-braunen Tintenfischsud vorhielt. Doch nachtragend sind sie nicht, vielmehr stolz, dass er sich nicht einschüchtern ließ und zurückgekommen ist. »Gunter Grass!« oder »Der Nobelpreisträger!« tuscheln sie einander zu oder schreien es laut über die Straße. Er muss alles signieren, was sich nur irgend beschreiben lässt, und trägt sackweise gute Gaben davon, sein Porträt in Öl, Bücher, Fragen auf fliegenden Zetteln, handschriftliche Gedichte in Klarsichthülle. Und doch scheint der beckhamartig Umlagerte vor allem auf diesen Tag gewartet zu haben, den vorletzten seiner Reise, der ganz im Zeichen der Bürgersteigschule steht. Der soll für ihn eine Nagelprobe sein: Ob diese Stadt, die er früher einmal Gottes Scheißhaufen genannt hat, eine Zukunft haben kann.

So startet eine kleine Expedition vom Gehweg an der Madan Street in die Gedärme der Stadt. Das Chetla Center nahe dem berühmten Kalitempel ist eine enge Brache zwischen zwei schäbigen Wohnblocks aus Beton. Es stinkt nach Pisse, über die Müllhaufen in den Ecken ist Kalk gestreut. An den kahlen Wänden hängen Luftballons und Schautafeln von Dingen, die hier weit weg sind: Bäume, bunte Vögel, der Rest der Welt auf einer Landkarte. Das ist die Schule für die Kinder der Unberührbaren. Laut Gesetz gibt es diese Ärmsten der Armen, diese Fußabtreter des Kastensystems schon lange nicht mehr, aber der religiös zementierte indische Feudalismus steckt tief in der Psyche von denen da oben und denen da unten. Vom »abgeschmackten Aberglauben« und »farbigen Schwindel« der Religion hat Grass in Zunge zeigen geschrieben; jetzt erlebt er, wie die Unberührbaren enthusiastisch ehedem unerreichbare Hände greifen. Die Lehrer bringen den 300 Kindern im Street Children Programme nicht nur Lesen und Schreiben, sondern vor allem Selbstbewusstsein bei. Dafür die rhythmischen Klatscheinlagen wie im Fußballstadion, dafür die frechen Lieder: »Wir wollen Frieden für den Slum, wir wollen Wasser für den Slum.«

Das ist die Tonlage, die Grass, dem Grantler von Gnaden, gefällt. Lächelnd und zufrieden begutachtet er fünf weitere Heime, Schulen, Kindergärten des Calcutta Social Project (CSP), lässt sich auf Muschelhörnern vorblasen, die Stirn mit Öl beschmieren und Blumen ins Haar streuen, begutachtet im Schulwettstreit gewonnene Pokale. Er, der Computer-Analphabet, bestaunt Webseiten, programmiert von Mädchen, die aus dem Müll kamen und nun, quecksilbrigen Prinzessinnen gleich, dem hohen Besuch den Kopf verdrehen. Lauter Idyllen des sozialistischen Realismus, könnte man meinen, zumal in einem Bundesstaat, in dem seit fast dreißig Jahren Kommunisten regieren. Aber Arjun Dutta, der Secretary des CSP, erzählt auch vom Grau hinter der bunten Erfolgsparade. Dass bis zu einem Fünftel der Straßenkinder aus dem Programm fällt, weil ihre Eltern sie statt zur Schule zu irgendeiner Drecksarbeit schicken, die sofort etwas Geld bringt. Dass seine Computer-Queens es dennoch schwer haben werden, weil ihr Englisch gut, aber nicht gut genug ist für den Kampf um einen Platz auf dem High-Tech-Arbeitsmarkt. Dennoch glaubt er an den Erfolg seiner Arbeit. »Vor 20 Jahren war unsere Hauptaufgabe, den Kindern erst mal etwas Richtiges zu essen zu geben. Und jetzt bilden wir sie schon aus.«

»Das nenn ich mal einen Fortschritt!«, sagt Grass im Haus des Lehrerpaares Karlekar, am Ende der Reise ins bunte Unten, »nicht immer diese blöden Fly-overs!« Die neuen Schnellstraßen auf Stelzen, Bypässe gegen den Verkehrsinfarkt, sind im Laufe seines Besuchs zum Dingsymbol der Debatte geworden, wie es mit Kolkata weitergehen soll. An manchen wird oben noch geschweißt und geteert, da haben sich darunter bereits die ersten Menschen in Hütten aus Planen, Wellblech und Bambus festgesetzt, verzweifelte Parasiten am Wirtstier Modernisierung. Ein fahles Licht fällt in diese Unterwelt, reflektiert von grell angestrahlten Reklametafeln: »The idyllic spanish countryside«, ein Neubauprojekt am Stadtrand, mit Pool und Rasen in Golfqualität.

Was hat sich verändert seit ihrem letzten Besuch, Mr Grass? Immer wieder muss der Dichter diese Frage beantworten, Studenten, Journalisten, Freunden, Fremden. Dann spricht er von den Kühen, die aus dem Straßenbild verschwunden sind und mit ihnen die Fladen, die zum Trocknen von Hand an Häuserwände gepappt wurden, Briketts mit Fingerabdruck. Keine Kackfeuer mehr, vielleicht ist dadurch auch die Luft besser geworden. Schlecht ist sie immer noch, am Abend tasten die Scheinwerfer der Ambassador-Taxis durch giftigen Bodennebel und fingern über Schilder in Kotflügelhöhe: »Prüfen Sie regelmäßig Ihre Abgas-Emissionen.« Der Strom fällt auch nicht mehr so oft aus, das Telefon funktioniert. Und die pavement dweller, die Gehwegschläfer mit nur einer Decke, einer Tüte als Obdach, die elenden Helden aus Zunge zeigen »Sie fielen einst, vergessen, aus wessen Hand und liegen nun quer, von Schatten begraben« –, auch sie sind verschwunden, jedenfalls unauffindbar geworden für des Dichters kritischen Blick. Dafür beklagt er das Sterben des alten Nord-Kalkutta; das Klima, der Schmutz zersetzen prächtige Fassaden. »Da müsst ihr was tun, sonst ist das in 30 Jahren alles weg.« Und mit den Häusern verschwindet vielleicht auch das Eine-Million-Teile-Puzzle einer arbeitsteiligen Gesellschaft, das Durcheinander all der Krauter, Krämer, Handwerker, die in ihren kaum doppelbettgroßen Läden drucken, schnitzen, feilen, kochen, weben. »Wenn die von der Modernisierung gefressen werden, gibt es Millionen neue Arbeitslose.«

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