China Die grüne Gefahr
Greenpeace deckt einen Umweltskandal in China auf. Die Regierung freut sich
Peking
Er ist ein Skandalmacher und Wühler. Klein, stämmig, ruhelos. Er lässt in Peking keinen Stein auf dem anderen. Er ist einer, wie ihn Chinas Kommunisten hassen: erzogen in Hongkong, sozialisiert in der Studentenrevolte von 1989. Lo Sze Ping ist wie geschaffen für seinen Job: Leiter des ersten Greenpeace-Büros in der chinesischen Hauptstadt. Ein Büro wie kein anderes in Peking, in dem mehr Frauen als Männer arbeiten und der Chef den Kaffee selber kocht. »Wo, außer bei Greenpeace«, fragt Lo beim Bedienen der Kaffeemaschine, »bekommt man in China schon Fair-Trade-Kaffee?«
Und wo in China gibt es heute noch Opposition? Die ist, wie man weiß, im Einparteienstaat verboten und hält sich im Untergrund versteckt. Aber jetzt gibt es immerhin Greenpeace, und das in aller Öffentlichkeit. Das Büro, das vor kurzem ins Pekinger Finanzzentrum umgezogen ist, zählte vor zwei Jahren nur zwei Mitarbeiter, jetzt sind es schon 20, bald sollen es 35 sein – mehr als bei jeder anderen politischen Stiftung oder Nichtregierungsorganisation in Peking. So wie in anderen Ländern kann Greenpeace in China allerdings nicht arbeiten: »Sobald sich die Regierung einmal richtig über uns ärgert, müssen wir mit unserer Verhaftung rechnen«, kokettiert eine der jungen Mitarbeiterinnen Los. Einen offiziellen Status hat die Umweltorganisation in China bis heute nicht.
Offensichtlich aber duldet die Regierung in Peking Greenpeace, weil sie ohnmächtig vor den ökologischen Folgen des rasanten Wirtschaftswachstums steht: die schnellste Verwüstung und schlimmste Luftverschmutzung der Welt, rasch abnehmende Wälder, zunehmend verseuchte Gewässer, steigende Energiekosten und ein beängstigender CO2-Ausstoß. Die Umweltschäden verschlingen, Schätzungen zufolge, annähernd sieben Prozent des Inlandsprodukts. China drohe die ökologische Degeneration, warnte Vize-Premier Huang Ju vor wenigen Tagen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und forderte von der chinesischen Bevölkerung ein höheres Umweltbewusstsein. Auf solche Äußerungen kann Greenpeace sich berufen.
Bürochef Lo spricht von einer »Wende« der chinesischen Umweltpolitik unter dem seit zwei Jahren amtierenden Premierminister Wen Jiabao. So sieht es auch die Umweltexpertin einer großen chinesischen Wochenzeitung: »Im März 2004 stoppte Wen Jiabao persönlich ein großes Staudammprojekt aufgrund der Kritik von Umweltgruppen. Das war das Signal. Seitdem weiß die Regierung die Rolle der Nichtregierungsorganisationen zu schätzen.«
Nach Jahren mühsamer Aufbauarbeit in China verspürt Greenpeace erstmals Rückenwind. Seit vergangener Woche ist es sogar amtlich: Die Wirtschaftsnachrichten des staatlichen Fernsehsenders CCTV zeigten einen elfminütigen Bericht über die illegale Waldzerstörung in der Südwestprovinz Yunnan. Alle wichtigen Informationen stammten von Greenpeace. Mehrmals wurde die Organisation namentlich zitiert; ein Sprecher der Pekinger Forstbehörde kündigte Strafmaßnahmen gegen die Verantwortlichen an. Lo staunt: »So viel Anerkennung gab es für uns noch nie.«
Der Skandal kam an die Öffentlichkeit, weil Greenpeace auf einer Pressekonferenz in Peking erstmals das tat, was die Organisation in China aufgrund ihres prekären Status zuvor nicht gewagt hatte: Sie erhob Anschuldigungen. Lo hatte sich seine Gegner genau ausgewählt: die Provinzregierung von Yunnan und den Papierkonzern Asia Pulp and Paper (APP). Beiden warf Greenpeace vor, ein Komplott zur Zerstörung natürlicher Wälder in Yunnan unter Missachtung nationaler Gesetze geschmiedet zu haben. Die Beweise dafür hatte Greenpeace am Ort recherchiert. »Unsere Freund-Feind-Strategie lautete: Mit dem nationalen Waldgesetz und der Zentralregierung gegen die Provinzregierung und den Konzern«, erklärt Lo.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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