Österreich Harakiri!

Mayrhofen im Zillertal lockt abenteuerlustige Skifahrer mit 78 Prozent Gefälle

Auf der Panoramakarte der Bergbahnen ist die Strecke 14 mit einem Totenkopf versehen. »Schön, oder?«, fragt Uli Spieß und deutet mit dem Stock ins Tal. Vor uns stürzt eine knapp hundert Meter breite Skipiste fast senkrecht in die Tiefe. Rechts sind massive Lawinenverbauungen in die Flanke gerammt, links sollen Fangnetze in zwei Reihen dafür sorgen, dass niemand ins felsige Gelände geschleudert wird. Knapp ein Kilometer ist die Trasse zur Talstation des Knorrenlifts insgesamt lang, 150 Meter ihre steilste Passage.

Das also ist sie, die Harakiri, mit der Mayrhofen im Zillertal abenteuerlustige Skifahrer anlockt. »Wer sich hier hinunterstürzt, ist ein Sieger über sich selbst«, werben die Touristiker im Internet. Mit 78 Prozent Gefälle ist die Harakiri die »steilste präparierte Piste Österreichs«, steiler als die Anlaufspur einer Skiflugschanze. Da pfeift der Straps, sagt der Alpinist gern, wenn er das Hochgefühl beschreiben will, das ihm das Befahren einer solchen Strecke bereitet, andere schwärmen vom »Adrenalin pur«, das den Körper flutet.

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Die Nase ist gerade mal eine Stocklänge von der Piste entfernt

Uli Spieß, der ausgebildeter Skilehrer ist und früher mit Franz Klammer um den Weltcup fuhr, sieht dem Harakiri-Neuling ins Gesicht: »Gell, du willst da schon fahren?! Wenn nicht, musst es jetzt sagen. Wer amal drinsteht im Steilen, muss auch runter. Irgendwie.«

Dann legt er los. Setzt die Kurven gleichmäßig und gelassen in den knochenharten Kunstschnee. Legt sich beim Carven in den Hang, bis die Hände Bodenkontakt haben. Ist verteufelt schnell und doch so sicher wie eine Tram im Gleis. In der Mitte des Hangs bleibt er stehen und ruft: »Jetzt du.«

Was für ein Unterschied. Die Skier gehorchen kaum, Kurven geraten zu mühsam kontrollierten Schleudermanövern. Die Nase ist gerade mal eine Stocklänge von der Piste entfernt, und unter den Skiern scheint die Welt ins Bodenlose wegzubrechen. »Ist doch gut gegangen«, sagt Uli Spieß und grinst. »Wirst sehen, das wird dir noch sakrisch gefallen.«

Der bald 50-jährige Uli Spieß hat sich an diesem Hang schon versucht, als noch keiner im Traum daran dachte, dort einmal Touristen hinunterzulassen. Als junge Kerle haben er und seine Freunde die wildesten Sprünge und die pfundigsten Stürze hingelegt. Je schwieriger das Gelände – desto besser. Am liebsten waren ihnen die Pisten, auf denen sie unter sich waren. Manchmal war die Schneelage so stabil, dass man sich sogar in den Tiefschneehang unterm Knorren wagen konnte, ohne gleich eine Lawine loszutreten. »Das haben sich nicht viele getraut.«

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