Belfast, Dublin
In Dublin schlugen vor einigen Wochen jugendliche Antifaschisten der Statue von Sean Russell den Kopf ab. Sie wollten nicht länger "die schändliche Ehrung" für einen "Nazikollaborateur" tolerieren. Sean Russell, führendes Mitglied der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), hatte während des Zweiten Weltkrieges die Regierung in Dublin stürzen und Nordirlands Werften und Munitionsfabiken mit Terror und Sabotage überziehen wollen. Bevor er den Plan in die Tat umsetzen konnte, war er an Bord eines deutschen U-Bootes 160 Kilometer vor der irischen Küste an den Folgen eines aufgebrochenen Magengeschwürs gestorben.

Und wohin jetzt mit dem enthaupteten Denkmal? Das Simon-Wiesenthal-Zentrum schlug vor, die demolierte Statue als dauernde Erinnerung "irischer Schande" stehen zu lassen. In der Republik wird darüber nun heftig gestritten. Die einen fordern ein neues Denkmal für einen "irischen Patrioten". Andere verdammen den IRA-Mann, weil er just zu dem Zeitpunkt die Zusammenarbeit mit Nazideutschland suchte, da Hitler die Vernichtung der Juden zum Programm erklärt hatte.

Bei dem Disput handelt es sich um mehr als nur die Bewältigung einer zwielichtigen Episode in der Geschichte der IRA. In Dublin nimmt man mittlerweile die abstoßende Seite der republikanischen Bewegung schärfer wahr. Politiker und Intellektuelle fürchten das totalitäre Gift, verbreitet durch Sinn Féin, den politischen Flügel der IRA, das allmählich in die irische Republik hineinsickert. "Die Bedrohung für unsere Demokratie ist real", schrieb die Irish Times angesichts der Umfragewerte für Sinn Féin, die nach dem brutalen Bankraub der IRA in Belfast vor Weihnachten, bei dem 26,5 Millionen Pfund geraubt wurden, nicht gesunken waren. In Nordirland mauserte sich Sinn Féin bereits zur größten katholischen Partei. Auch im Süden wächst langsam, aber stetig ihr Einfluss; artig unter Führung von Gerry Adams eroberte Sinn Féin Mandate in vier Parlamenten, in Dublin, in Belfast, in Straßburg und in Westminster.

Die Politiker in Dublin frösteln, weil sie wissen, dass die republikanische Bewegung sich im Kern nicht gewandelt hat. Nach wie vor verfolgt sie ihre historische Mission. Sinn Féin und IRA streben nach der staatlichen Macht in ganz Irland. Das Mandat der Wähler ist aus ihrer Sicht noch nicht einmal die eigentliche Quelle der Legitimation. Die Bewegung leitet die Rechtfertigung für ihr Handeln aus Blutopfern und Kämpfen der Vergangenheit ab. Hoch diszipliniert und straff geführt, fühlen sich die irischen Rebellen auch heute noch dem Erbe von Patrick Pearse verpflichtet, dem Initiator und Märtyrer des Osteraufstandes von 1916 in Dublin. Pearse hatte 1916 die irische Nation aufgefordert, stets auf "die Stimmen der Toten" zu hören, selbst wenn sie verlangten, dass "eure Füße im Blute eurer Feinde waten". Totenkult und Opfer waren fortan die Raison d’être der IRA. Sie versteht sich als einzig legitime Vollstreckerin des historischen Willens der irischen Nation.

Die Ideologie lebt fort. Das offenbarte sich während eines Rededuells im irischen Fernsehen zwischen dem Justizminister Michael McDowell und Mitchell McLauglin, dem Generalsekretär von Sinn Féin. Es ging um die Ermordung einer Mutter von zehn Kindern auf der Falls Road in Belfast durch die IRA im Jahr 1972. Die Protestantin, verheiratet mit einem Katholiken, war einem sterbenden britischen Soldaten zur Hilfe geeilt. Am nächsten Tag wurde sie von einem IRA-Kommando ermordet und verscharrt. Der Sinn-Féin-Politiker weigerte sich, die Tat als Verbrechen zu verdammen. War es kein Verbrechen, weil der "Armeerat" der IRA die Tat abgesegnet hatte?, fragte der Minister. McLaughlin bejahte das und gab damit zu erkennen, dass der "Army Council" der IRA für seine Partei die höchste Instanz des Landes darstellt.

Die Methoden der Bewegung haben sich angesichts des veränderten weltpolitischen Umfeldes gewandelt. Ein erneuter terroristischer Akt der IRA wäre spätestens seit dem 11. September 2001 ein allzu riskantes Unterfangen. Amerika, in der Vergangenheit generös und erfüllt von oftmals allzu blauäugiger Sympathie für irische Nationalisten, würde einen Rückfall in die Gewalt mit vollständigem Liebesentzug ahnden. Spätestens mit der Zeitenwende von 2001 musste der armed struggle der IRA dauerhaft durch eine flexible Mixtur aus Politik, mafiosem Gangstertum und verhaltener Drohung ersetzt werden. Doch die alten Ambitionen sind geblieben – ein vereinigtes Irland, in dem Sinn Féin/IRA die Macht ausüben.

Die Strategen der Bewegung haben zwei wichtige Termine fest im Blick. Die Wahlen zum irischen Parlament im Jahr 2007, in denen Sinn Féin, derzeit bei rund elf Prozent, zum potenziellen Königsmacher in einer Koalitionsregierung avancieren könnte, und, drei Jahre später, die irischen Präsidentschaftswahlen. In Nordirland sind katholische Kreise überzeugt davon, dass Sinn-Féin-Chef Adams für das Amt antreten wird. Nordirland, sagt Brian Rowan, Autor des Buches Der bewaffnete Friede, sei für "einen Mann von seiner Statur zu klein".