Frankreich Ein Texaner in Paris

Frankreichs Präsident Chirac liebt Amerika. Sein Verhältnis zu Bush will er nun reparieren

Paris

Selten fand ein amerikanischer Präsident so warme Worte für Jacques Chirac wie George Bush: »Seinem Urteil messe ich größten Wert bei, und ich bin wirklich stolz, ihn meinen Freund zu nennen.« Dem Franzosen klingen sie noch heute im Ohr. Das war allerdings Bush senior, zu dem Chirac bis heute ein ausgezeichnetes Verhältnis hat. Mit seinem Sohn hingegen steht er sich nicht so gut.

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Die Beziehung wird nicht besser dadurch, dass Chirac bei jedem Gipfeltreffen Grüße an George und Barbara ausrichten lässt und auch gern in Erinnerungen an den Alten schwelgt. Denn Bush junior, der, wie er dem Journalisten Bob Woodward sagte, »einem höheren Vater« vertraut als dem leiblichen, reagiert allergisch auf familiäre Vergleiche. Nicht hilfreich war, dass Chirac, der als einer der dienstältesten Staatschefs der Welt stets den Vorgänger des Vorgängers seiner Amtskollegen kennt, dem jungen Bush erst einmal die Welt erklären wollte.

Dass dieser den Franzosen folglich »zu pompös« nennt, gehört noch zu den freundlichsten Schmähungen. Angeblich heißt er bei Bush meist »Jackass« (was mit der wörtlichen Bedeutung »Esel« nur unzureichend übersetzt ist), während umgekehrt inzwischen auch Chirac im Argot über Bush spricht. Jüngst sollen Telefongespräche Chiracs von Washington abgelauscht worden seien, in denen der Franzose so heftig über den Amerikaner schimpfte, dass ein Bush-Berater urteilt: »Der Präsident weiß genau, was Chirac über ihn denkt – auf der persönlichen Ebene ist das Verhältnis nicht mehr zu reparieren.«

Dass es so weit gekommen ist und Chirac heute als Fackelträger des Antiamerikanismus gilt, war indes keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil: Viele Jahre galt der Präsident, der fließend Englisch spricht, zu Recht als amerikafreundlichster Franzose. Nicht nur der ehemalige New Yorker Bürgermeister Ed Koch schwärmte, er habe 1983 in Paris »einen einzigartigen jungen Amerikaner mit französischem Akzent kennen gelernt, der Jacques Chirac hieß«. Im eigenen Land war Chirac ein gefragter USA-Kenner und musste sich wegen seiner neoliberalen Haltung sogar der Amerika-Hörigkeit zeihen lassen. Ronald Reagan unterstützte 1988 seinen Wahlkampf gegen Mitterrand persönlich und empfing ihn mit großem Gepränge in Washington.

Gern erzählt der Präsident, der sonntags im Elysée-Palast eher unprätentiös in Jeans und Mokassins herumläuft, von seiner Zeit als Student an der Harvard Summer School. Doch nicht nur davon: Als junger Mann ist er durch ganz Amerika getrampt, hat als Gabelstapler-Fahrer bei der Bierbrauerei Anheuser-Busch in St. Louis und in einem Kettenrestaurant in Boston gearbeitet. Eine Zeit lang schrieb er sogar Artikel für die Times-Picayune in New Orleans. »Ich mag die USA sehr und kenne sie besser als die meisten Franzosen«, bekannte Chirac noch 2003 voller Stolz. Der Mann, der, ganz unfranzösisch, Western und Junkfood liebt, soll von jeder USA-Reise mit ein paar Kilo Übergewicht wiedergekommen sein. Und mittlerweile weiß man auch, dass Chiracs amerikanische Freundin ein Mädchen namens Florence aus South Carolina war, das Sommersprossen hatte und ein weißes Cabrio fuhr.

Kein Wunder also, dass die Amerikaner über seine Wahl zum Staatspräsidenten 1995 richtig glücklich waren. »Chirac liebt die USA«, schwärmte die New York Times; andere US-Zeitungen nannten ihn den »amerikanischsten aller französischen Präsidenten«. Tatsächlich versuchte Chirac als erster Franzose, die gaullistische Sonderrolle in der Nato zu überwinden und die vollständige Wiedereingliederung in die Allianz zu verhandeln – was jedoch an Amerikas Weigerung scheiterte, die Kommandoführung im Mittelmeer in europäische Hände zu geben.

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