Kolumne Machen Sie es! Fangen Sie an!
Frau Berg erklärt die Welt
»Menschenrechtsverletzungen, Fremdenfeindlichkeit, Nord-Süd-Gefälle, Ghettoisierung der Intellektuellen, Skandale um verseuchte Blutkonserven, die Ohnmacht der Wissenschaftler, die Invasion der Werbung, des Marketings – die Liste kann fortgesetzt werden. All das erschreckt mich so, daß ich etwas tun muß, selbst wenn ich keine Illusionen habe.«
Pierre Bourdieu, 1996
Das Dumme an den Guten und den Bösen ist, das die Bösen keine Hemmungen haben. Egal, ob Fundamentalisten, Bahnmanager, Neonazis, es gibt immer ein paar, die lauter sind und mit ihrem Geschrei Tausende übertönen. Die negative Energie macht das. Nicht zu unterschätzen als Antrieb derer, die sich im Recht fühlen.
»Ich kann doch auch nichts ändern« ist der am meisten verwendete Satz des normalen Menschen mit normalem Leben und einer funktionierenden Moral. Und dann sitzt er in seiner Wohnung, hat Angst und Wut, sieht die Welt vergammeln, so wie sie vermutlich immer vergammelte, es fällt nur mehr auf heute, weil alles so dicht scheint, und ist ausgeliefert. Im Prinzip hat der leise Mensch Recht. Er ist Muslim oder Amerikaner oder Deutscher und muss scheinbar tatenlos zusehen, wie ein paar Idioten seinen Ruf versauen. Zu übermächtig scheint die Zahl der Feinde, zu undurchschaubar die Weltlage. Oder hat irgendeiner wirklich eine Ahnung von der Regierung der USA? Welche Interessengemeinschaften hinter wem stehen und worum es eigentlich geht? Der Mensch sitzt in seiner Wohnung, hat Angst und versucht, niedlich, wie er ist, den Gegner zu benennen. Bush zum Beispiel. Böser Cowboy, dumm, alle Amis blöd. Transparent gemalt, auf die Straße gegangen. Guter Ansatz, falscher Inhalt. Ehe man etwas tut: Immer erst nachdenken. Nachdenken hilft sehr. Dafür hat Allah oder Bush uns unser Hirn gegeben. Nach dem Nachdenken: Handeln! Geht nicht, kann ich nicht, ich bin nur einer und hab kein Geld? Falscher Ansatz. Man kann mit wenig Aufwand wunderbare Störungen herstellen. Wie die jungen Europäer, die unter dem Label »Guerillamarketing« zusammenarbeiten. Sie fälschen Strichcodes, um die Wirtschaft zu schädigen, strahlen schwarz Fußballspiele aus, für die Sender Millionen zahlten, sie machen schöne Aktionen bei Wirtschaftsgipfeln. Sie wehren sich gegen die Dummheit Neoliberalismus. Bringt alles nichts, verunsichert aber. Wer kann sagen, wie unerträglich die Welt wäre, wenn man sie den lauten Idioten kampflos überlassen würde? Keine Lust auf Wirtschaftsgipfelaktionen? Es geht auch kleiner.
Der am zweithäufigsten genutzte traurige Satz ist: Wenn ich es nicht tue, macht es ein anderer. Und wird vornehmlich beim Betrügen verwendet. Die Kettenreaktion ist klar. Die Gegenmaßnahme auch: Einfach nicht mehr betrügen, übervorteilen, lügen, wegsehen, faul sein. Sich einsetzen, Leuten über die Straße helfen (die gar nicht über die Straße wollen), das Treppenhaus fegen, wenn es schmutzig ist, sich aufregen, einmischen. Ändert viel, versprochen, wenn es alle tun, wenn sie damit beginnen. Heute. Wenn man nicht mehr kämpft, ist man tot. Ich habe übrigens gerade ein Krematorium in Uster, Schweiz, besichtigt. Nach einer grauenhaften Erfahrung im Krematorium Hamburg-Ohlsdorf (gehn Sie da bloß nicht hin, da vergeht einem die Lust am Sterben) hat mich das kleine Kuschelkrematorium in allem bestätigt, was ich immer über Verantwortlichkeit dachte. Vier Angestellte, sie gehen gern zur Arbeit, trösten die Bestatter, beten für Verblichene ohne Angehörige. Die Atmosphäre war friedlich und freundlich. Weil Menschen ernst nehmen, was sie tun. So einfach geht das. Man muss kein Philosoph sein, kein Politiker oder Millionär, um die Welt einen Zentimeter zu bewegen.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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