Alle namentlich genannten Personen in dem Buch sind frei erfunden": Selten ist mit dieser augenzwinkernden Juristenformel so schamlos gelogen worden wie in dem neuen Roman von Christoph Hein. Denn tatsächlich handelt es sich um die minutiös recherchierte Geschichte des Terroristen Wolfgang Grams, der 1993 bei seiner Verhaftung in Bad Kleinen unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Es handelt sich um die nachfolgende Geschichte der Eltern, die den Staat zum Eingeständnis der Fahndungspanne zwingen wollten, und um die Geschichte der staatlichen Institutionen, die sich der Verantwortung entzogen, und nichts davon, einschließlich der wachsenden Verbitterung der Eltern, ist frei erfunden. Es ist nur, aber höchst unfrei, allerlei dazuerfunden worden, um aus diesen Geschichten einen Roman machen zu können, der die These belegt, dass die Bundesrepublik am Ende doch ein "Schweinesystem" war, die Terroristen also Recht hatten.

Von dieser Insinuation lebt das Buch; und von sonst nichts. Es gibt keine ästhetischen Anstrengungen, die irgendwo, auf irgendeiner Seite oder in irgendeiner kleinen Metapher etwa auf Kunst zielten, also auf etwas, das die unmittelbar ideologisch-politische Botschaft überstiege. Überall wird mit der größten dramaturgischen, oft sogar grammatikalischen Sorglosigkeit erzählt, bis hin zum offenen Desinteresse an Erzähltechnik und Sprachgestalt. "Pfarrer Härle stand in der Eingangstür des neuen Saals und begrüßte die eintreffenden Mitglieder des Gemeindekirchenrats mit Handschlag." Was will Christoph Hein damit sagen? Liegt etwas Erstaunliches oder auch nur den Pfarrer vage Charakterisierendes in dem Händedruck? Gab es eine Situation zuvor, oder wird sie noch kommen, in der ein Händedruck verweigert wird? Muss oder kann man etwas daraus folgern, dass der Pfarrer an der Eingangstür (nicht etwa Ausgangstür) steht (und nicht etwa sitzt)?

Keineswegs. Der Satz ist in seinem leeren Realismus genauso überflüssig wie die Passage: "Er begleitete Richard Zurek zur Bushaltestelle. An der Glasüberdachung blieben die Männer stehen." Nicht das Geringste geht aus dem Vorhandensein eines Glasdaches hervor und auch nichts daraus, dass sie an der, nicht neben, hinter oder vor der Überdachtung stehen bleiben. Der Roman ist bis an den Rand gefüllt mit solchen gedanken- und folgenlosen Sätzen, die weder schön noch bedeutsam, noch in irgendeiner Hinsicht auch nur für die realistische Beglaubigung des Geschehens notwendig sind. "Als er an der Tür klingelte, ließ Richard Zurek ihn ins Haus…" Ja, hätte er ihn nicht ins Haus gelassen, oder hätte er ihn eingelassen, ohne dass er klingelte – dann wäre mit einem solchen Satz vielleicht etwas ausgedrückt. Aber da Heins Sätze niemals etwas ausdrücken, sondern nur etwas (meistens Überflüssiges) mitteilen, drängt sich der Schluss auf: Es geht dem Autor überhaupt nicht um Literatur.

Das aber ist keine überflüssige, sondern höchst folgenreiche Beobachtung. Wenn dem Autor der ästhetische Ausdruck gleichgültig ist, dann kann auch der Roman nicht als Roman, sondern nur als Vehikel einer Mitteilung gelesen werden. Diese Mitteilung wäre freilich auch auf weniger als den aufgewendeten 271 Seiten zu machen gewesen. Streng genommen hätte der fiktive Brief gereicht, den die in Bad Kleinen mitverhaftete Terroristin Birgit Hogefeld (hier Katharina Blumenschläger) an den Vater von Wolfgang Grams (hier Oliver Zurek) richtet: "Was geschehen ist, geschah nicht aus Verachtung für das Land und seine Bevölkerung, es war Liebe und ein Gefühl von Verantwortlichkeit für diese Gesellschaft und für unsere Heimat, die uns auf diesen Weg führten. Die Macht macht schmutzig, und der Kampf gegen diese schmutzige Macht ebenso."

Das ist alles. Mehr möchte Christoph Hein nicht sagen. Der Kampf der Terroristen war deswegen so schmutzig, weil der Staat so schmutzig war, gegen den sie kämpften. Dem Autor ist bei seiner Mitteilung aber nicht schwer ums Herz. Es liegt vielmehr die frohe Botschaft an seine ostdeutschen Landsleute darin, dass die Bundesrepublik nicht der moralisch überlegene Staat ist, als der er zu Wendezeiten erscheinen mochte. Er soll vielmehr als genauso schmutzig wie die untergegangene DDR gedacht werden. Christoph Hein will nicht aufrütteln, sondern denen Trost spenden, die an der postsozialistischen Depression leiden. Das muss man verstehen, um seine Betulichkeit und den Mangel an literarischem Ehrgeiz zu würdigen: Das Buch will kein Roman sein, sondern ein frommes Traktätchen.