Im Lande Nod, jenseits Eden
Neue Übersetzungen des Werks der unsterblichen Patricia Highsmith
In Patricia Highsmiths Roman gibt es gegen Ende einen Satz, den man sehr leicht übersehen kann. Wenigstens habe ich ihn übersehen, als ich das Buch vor dreißig Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Ich habe ihn allerdings vor vielleicht achtundzwanzig Jahren beim zweiten Lesen nicht mehr übersehen: Tom Ripley fährt den angeschossenen Jonathan Trevanny, der ihm gerade vielleicht zum zweiten Mal das Leben gerettet hat, ins Krankenhaus. Jonathan stirbt auf dieser Fahrt, sackt langsam weg, nimmt noch wahr, dass er vielleicht an der Brust seiner Frau liegt, von der er schon weit weg ist. Und dann kommt sein nächster Gedanke: Oder, wie es in der Übersetzung heißt: »Tom fuhr den Wagen, als wäre er Gott.«
Diese Schriftstellerin hat mehr über Männer gewusst, als uns lieb sein kann
Ripley’s Game läuft in der deutschen Übersetzung (alt und neu) seit Wim Wenders’ Film Der amerikanische Freund unter dem Titel Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Keine besonders gute Marketing-Idee, dem Roman diesen mürben Film ans … na ja … Bein zu binden. Als der Film ins Kino kam, war ich gespannt, was der Drehbuchautor und Regisseur Wenders mit der Szene von Jonathans Tod machen würden. Es ist ihm nichts eingefallen, außer – einige Zeit davor – ein paar entsagungsvollen Sätzen über die Unmöglichkeit der Freundschaft zwischen Jonathan und Tom. Jonathan (Bruno Ganz) stirbt allerdings auch hier in einem Auto, an seiner Krankheit oder an Erschöpfung oder weil es Zeit ist, dass der Film zu Ende geht, und er stirbt neben seiner Frau, die von der muffigen Lisa Kreuzer dargestellt wird. Es ist an sich schon ein ziemlicher Schicksalsschlag, neben dieser Lisa Kreuzer zu sterben, aber Jonathan ist vollkommen verlassen mit einem Dennis Hopper, der als Tom Ripley, oft mit einem zerdätschten Cowboyhut auf dem Kopf, durch diesen Film stakst wie ein räudiger Klon von James Dean.
Patricia Highsmith hat diesen Film zuerst offensichtlich so wenig gemocht wie ich. Sie hat sich dann später anscheinend dazu breitschlagen lassen, ihn doch gut zu finden. Was allerdings Dennis Hopper betrifft, blieb sie unbeirrbar: »Er hat überhaupt keine Klasse, während Ripley doch ein richtiger Dandy ist.«
Es gibt inzwischen eine Neuverfilmung von Ripley’s Game mit John Malkovich als Ripley (auch eine Fehlbesetzung, aber was für eine!). Buch: Charles McKeown und Liliana Cavani. Regie: Liliana Cavani. Und da ist es! Das, was sich nicht im Bild zeigen lässt – »Tom was driving the car, like God himself« –, ist auf einmal da, ganz beiläufig und trotzdem unübersehbar: Tom und Jonathan verabschieden sich, vor dem letzten Showdown, von dem sie noch gar nicht wissen, dass er passieren wird, und Jonathan wird nach Hause gehen, zu seiner Familie, und er wird sterben, er wird so oder so sterben, und er steht jetzt in der Mitte zwischen seiner Familie und Tom, der zu seinem Wagen geht, und er hebt die Hand zu einem halben Winken, und man spürt, wie sehr es ihn zu diesem Mann hinüberzieht, zu diesem Mörder, zu diesem Mann, der das Leben so organisiert hat, dass Jonathan einen Mord begeht. Er schaut Tom an wie einen Retter, den er noch erreichen könnte, wenn er nicht nach Hause müsste. Tom lebt. Tom ist das Leben. Aber Jonathan geht nach Hause, wo sein Körper kurz darauf die Kugel einfängt, die für Tom gedacht war.
Tom Ripley kann nicht sterben. Dieser Mann, der sich mit dem Mord an seinem Freund Dickie Greenleaf ein neues Leben erkauft hat, sich – wie es immer so schön heißt – selber neu erfunden hat und immer wieder neue Morde begehen muss, um dieses neue Leben zu beschützen, dieser Mann kann nicht sterben. Wie es in diesem alten Text aus der Bronzezeit heißt: Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, wer ihn fände. Die Männer, die in den Büchern Patricia Highsmiths oft so gerade noch davonkommen, leben nicht unstet und flüchtig auf Erden wie Kain, aber sie sind auf der Hut – sichtbar auf der Hut wie Tom Ripley, oder unsichtbar, nachdem die Bücher zu Ende sind. »›Wir werden nicht aufhören, Sie zu beobachten, Carter.‹ – ›Oh, ich weiß das schon‹, sagte Carter. ›Ich weiß.‹« Das sind die letzten Sätze in Die gläserne Zelle. Und in diesem alten Text heißt das so: Also ging Kain von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits Eden, gegen Morgen.
Aber jetzt ist Schluss mit Kino!
Eine junge Frau bringt sich um. Eine junge Frau, die (vielleicht) ein bisschen überspannt ist, der (vielleicht) die Welt nicht genug ist, die (vielleicht) vom Leben und von der Kunst und von der Sexualität mehr erwartet, als sie bekommen kann. Ihr Vater, Coleman, sagt zu ihrem Mann: »Sie war mein einziges Kind. Aber nicht Ihre einzige Frau. Nur Ihre letzte.« Das ist der Beginn des Romans Venedig kann sehr kalt sein. Kurz darauf schießt der Vater auf den jungen Mann, und was dann auf gut 300 Seiten folgt, ist eine gnadenlose Verfolgungsjagd durch ein labyrinthisches Venedig, auf die der junge Mann, Ray Garrett, zuerst unverständlich passiv reagiert, bis er begreift, dass er sich wehren muss. Dass sein Gegner keine Angst vor einer Haftstrafe hat, dass er erst Ruhe geben wird, wenn Ray tot wäre. Dass ihm sein Hass, schließlich, wichtiger ist als das eigene Leben.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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