Für die Eltern ist es die schwierigste Entscheidung ihres Lebens: Sie bitten den behandelnden Arzt, ihre gerade vier Wochen alte Tochter mit Hilfe von Medikamenten für immer einschlafen zu lassen. Das Baby hat das Downsyndrom und ist mit einer offenen Wirbelsäule auf die Welt gekommen; Nervenstränge hängen in einem dünnen Hautsack aus ihrem Rücken, das Gehirn ist fehlgebildet, und anstelle des Gaumens klafft ein Loch. »Dieses Kind hätte etwa zwanzig chirurgische Eingriffe allein innerhalb des ersten Lebensjahres benötigt. Doch zwei erfahrene Operateure rieten davon ab, die allgemeine Prognose sei zu schlecht«, sagt Eduard Verhagen, Chefarzt der Universitätskinderklinik in Groningen. »Selbst die starken Schmerzmittel haben oft nicht mehr geholfen. Für unser Kind war das eine furchtbare Qual«, sagt die Mutter.

Die Eltern sind verzweifelt und wollen ein langes Warten auf den Tod nicht hinnehmen. Eduard Verhagen, selbst Vater von drei Kindern, kann sie verstehen und geht auf ihre Bitte ein. Als der Arzt dem Säugling eine hohe Dosis Schlafmittel und Morphin spritzt, hat die Mutter ihre Tochter auf dem Arm, der Vater, die Großeltern, eine Krankenschwester und der Seelsorger sitzen neben ihr. Es dauert nur wenige Minuten, bis das Mädchen tot ist.

Auch nach holländischem Recht könnte Verhagen als Mörder verurteilt werden, denn die aktive Sterbehilfe ist nur bei einwilligungsfähigen Erwachsenen – und in Ausnahmefällen bei Jugendlichen – straffrei. Doch der Klinikchef, der gleichzeitig auch Jurist ist, hat vor zwei Jahren mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt, dass alle Fälle der aktiven Lebensbeendigung von Kindern nach einem strengen Protokoll entschieden und dann gemeldet würden. Im Gegenzug nahm die Justiz, und an deren Spitze der zuständige Minister, die Ärzte vor einer Strafverfolgung in Schutz und verschonte außerdem die Eltern vor Vernehmungen durch die Polizei.

Für Deutsche ist die niederländische Praxis schwer auszuhalten. Gerade jetzt. Zu einer Zeit, in der 60 Jahre Auschwitz, medizinischer Versuche und Euthanasie während des »Dritten Reiches« gedacht wird. In diesen Wochen soll in den Niederlanden der Anstoß gegeben werden, die bisher nur geduldete Tötung von schwerstbehinderten Neugeborenen gesetzlich zu regeln. Das niederländische Gesundheitsministerium, das Justizministerium und die Staatsanwaltschaft wollen sich abstimmen und dann einen entsprechenden Entwurf für das Prozedere ins Parlament einbringen. Die Niederlande wären damit das erste Land, das sich in die Tabuzone der Entscheidung über das Leben nicht einwilligungsfähiger Menschen wagt. »Ob die Regelung so wird, wie sich das die Kinderärzte wünschen, steht noch nicht fest«, sagt Richard Lancee, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Es stecke zu viel Sprengstoff in diesem Thema. Bis zu einem Gesetz werde es auf jeden Fall noch mehrere Jahre dauern.

»Unser Vorgehen ist ehrlich und transparent, denn auf der ganzen Welt werden Babys in ähnlichen Situationen von Ärzten erlöst, nur gibt das kaum jemand zu«, sagt Verhagen. Bei einer anonymen Umfrage unter Neonatologen seines Landes hätten sich über zwei Drittel zu einer aktiven Sterbehilfe bekannt. Deshalb erhielt das so genannte Groninger Protokoll auch große Zustimmung und wird von allen acht niederländischen Universitätskliniken mitgetragen. Es sieht fünf Kriterien für die Sterbehilfe von Kindern vor:

– Das Leid muss so schwer sein, dass das Überleben nur kurze Zeit möglich ist.

– Es darf keine Chance auf Heilung oder Besserung des Leidens durch Medikamente oder Operationen bestehen.

– Die Eltern müssen zustimmen.