Das Schweizer Vorgehen und noch viel mehr die aktive Sterbehilfe der Niederländer kritisieren religiöse Kreise auf das heftigste. In einer Stellungnahme der Päpstlichen Akademie für das Leben warnt Bischof Elio Sgreccia eindringlich vor der »schiefen Ebene«, auf die man mit diesem Vorgehen gerate: Man beginne bei dem missgebildeten Embryo ohne Gehirn und ende schließlich bei dem Kind, dessen Geburt die Urlaubspläne stören würde. Die Schmerzen könnten dem Kind mit den richtigen Medikamenten nahezu ganz erspart bleiben. Eigentlich würden nur die Verwandten und Ärzte das Leid selber nicht ertragen. »Bei der Euthanasie geht es um die Verletzung eines göttlichen Gesetzes, um eine Beleidigung der Würde der menschlichen Person, um ein Verbrechen gegen das Leben, um einen Anschlag gegen die Menschlichkeit«, schreibt der Bischof.

Auch die deutsche Palliativmedizinerin Thela Wernstedt sieht das holländische Protokoll skeptisch: »Ich fände es ungut für unser Land, wenn wir eine ähnliche Regelung wie in Holland anstrebten.« Die Ärztin von der Medizinischen Hochschule in Hannover wird gerufen, wenn es keine Hoffnung mehr auf Heilung gibt und es darum geht, Schmerzen zu lindern und das Sterben zu erleichtern. Obwohl sie das niederländische Protokoll ablehnt, ahnt sie, dass sie sich bei ihren Entscheidungen manchmal selbst etwas vormacht. Die Grenzen zwischen der Erhöhung einer Morphindosis und einer aktiven Tötung verschwömmen in der Praxis oft.

Den Widerspruch zwischen Handeln und Diskurs hat Karl-Heinz Wehkamp, Professor für Gesundheitswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, in einer anonymen Befragung über Sterbehilfe unter deutschen Medizinern Ende der neunziger Jahre aufgedeckt. »Rund 20 Prozent der Ärzte, die Schwerstkranke behandeln, haben schon eine aktive Lebensbeendigung erlebt«, sagt Wehkamp. Viele Mediziner hätten das Leben beendet, wenn es sich um Familienangehörige, Berufskollegen oder Prominente gehandelt habe. Gleichzeitig befürworten nur zehn Prozent der Klinikärzte die Erprobung des niederländischen Euthanasie-Modells. »In Deutschland fühlen sich alle bei diesem Thema unwohl. Das hat zur Folge, dass es hier keine vernünftigen Untersuchungen gibt, wie man Menschen am Lebensende effektiv helfen kann«, moniert der Gesundheitswissenschaftler.

Obwohl die Niederländer schon vor vier Jahren die aktive Sterbehilfe bei zustimmungsfähigen Erwachsenen legalisiert haben, ist die Bevölkerung bei den schwerstkranken Kindern wieder aufgebracht. Kinderarzt Eduard Verhagen bekommt fast jeden Tag hasserfüllte E-Mails. Da steht dann zum Beispiel: »Hitler lebt weiter in Groningen.« Ein italienischer Journalist stilisierte ihn in einem Artikel zum arischen Monster, weil er so sehr dem Klischee des eiskalten Nazis entspricht: Er ist groß, blond, hat freundliche blaue Augen, und er kann auch lächeln, wenn er über den Tod spricht. Doch solche Attacken bringen Verhagen nicht aus der Ruhe. Er scheut die Presse nicht, weil er für die Offenheit des holländischen Systems werben möchte.

Vor kurzem saß der Arzt in einer Talkshow einem aufgebrachten Vater gegenüber, der sich über die Tötung des Babys mit dem offenen Rücken entsetzte. Der Mann hatte selbst ein solches Mädchen adoptiert und berichtete stolz, dass es mittlerweile selbstständig mit seinem Rollstuhl in die Schule fährt. »Niemals hätten wir erwogen, das Leben eines solchen Kindes zu beenden«, sagt Verhagen. »Viele Leute wollen einfach nicht verstehen, dass es bei der Sterbehilfe wirklich nur um die ganz, ganz aussichtslosen Fälle geht.«

Ja, die Gefahr bestehe, dass Menschen seine Initiative und die Holocaust-Debatte vermengten. Es sei aber wichtig zu wissen, dass es nur um sehr wenige Fälle gehe. Sein Anliegen sei es, dass die Sterbehilfe nicht mehr im Verborgenen geschehen müsse. »Wir fördern sie nicht!«, sagt Verhagen.