Buch im Gespräch Die neue totalitäre Herausforderung

Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider (Hrsg.) "Neuer Antisemitismus?"

Ist Kritik an Israel antisemitisch, wachsen Antisemitismus und Antiamerikanismus zu einem weltweiten Ressentiment gegen den Westen zusammen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer leidenschaftlich geführten Debatte unter dem Titel Neuer Antisemitismus?, aus der in diesem Buch wichtige Positionen aus den USA, Israel und Westeuropa dokumentiert werden. Um Missverständnisse zu vermeiden: Antisemitismus ist keine »Meinung«, sondern ein Delikt, während Kritik an der Politik der USA und Israels, so überzogen und einseitig sie sein mag, unter Meinungsfreiheit fällt. Sie basiert eben nicht auf einem pauschalen Ressentiment, wie Juden oder »Amis« vermeintlich sind, sondern darauf, wie politisch Verantwortliche in Washington und Jerusalem tatsächlich handeln.

Neu ist, wie Omer Bartov und Robert Wistrich darlegen, weder die Konstruktion »des Juden« als radikal Anderem noch die Unterstellung einer »jüdischen Weltverschwörung«. Beide Vorurteile treten in Krisenzeiten und Umbrüchen zyklisch an die Oberfläche, wobei sich uralter christlicher (oder islamischer) Judenhass mit pseudo-wissenschaftlichen Rassenlehren mischt. Der Mord an den Juden hat das Vorurteil nicht beseitigen können. Antisemitismus nach und trotz Auschwitz hat sich nach 1945 sogar in einen Antisemitismus wegen Auschwitz transformiert, indem das Stereotyp des »reichen Juden« auf Entschädigungsforderungen des Staates Israel und von Überlebenden des Holocaust projiziert wurde.

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Neu am heutigen Antisemitismus ist vielmehr, dass sich das Vorurteil vom lokalen Substrat des Judenhasses und vom modernen Nationalismus löst und zur Abwehrideologie gegen kulturelle Globalisierung überhaupt wird. Diese ihrerseits grenzüberschreitende Aversion führt wenig kompatible Ideologien zusammen, und ein Katalysator war und ist die Existenz eines jüdischen Staates und der Nahostkonflikt. Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 stellte sich die philosemitische und israelfreundliche Linke antizionistisch um; sie solidarisierte sich mit der palästinensischen Sache und anderen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt.

So wurde aus der antienglischen Allianz zwischen Nazis und arabischen Nationalisten, die Matthias Küntzel beschreibt, ein Amalgam islamistischer, rechts- und linksradikaler Motive. Auch dass seit 1967 das Bündnis zwischen Israel und den USA enger wurde, führte Antizionismus und Antiamerikanismus zusammen, wobei Kritiker der westlichen Nahostpolitik von der konkreten Auseinandersetzung mit der politischen Führung oft zu einer diffusen Denunziation vermeintlicher Eigenschaften der beiden Völker übergingen.

Die »Anti-Globalisierungs-Bewegung« hat solche Ideologien und Mythologien aufgegriffen, wie Thomas Haury belegt. Auch verlegten muslimische Einwanderer der zweiten und dritten Generation die Front vom Mittleren Osten in die Vorstädte des Westens. Diese Fusion stellt für Jeffrey Herf die »neue totalitäre Herausforderung« dar, und Ian Buruma sieht darin eine tödliche Gefahr für Juden wie Amerikaner. Manche Auguren (wie Alain Finkielkraut, Daniel Jonah Goldhagen und Andrei S. Markovits) schießen allerdings übers Ziel hinaus. Denn wie ihnen Tony Judt, Judith Butler und Antony Lerman zu Recht entgegenhalten, dient der Antisemitismus-Vorwurf oft als pauschales Totschlagargument gegen eine notwendige Kritik westlicher Sicherheitspolitik, speziell nach dem 11. September 2001, und er verhüllt, wie die Politik Israels, anders als bei früheren Wellen des Antisemitismus, objektiv zum Judenhass beigetragen hat.

Schade, dass kein Autor aus der islamischen Welt zu Wort kommt. Denn auch hier macht man sich über die Gefahren eines von allen guten Geistern verlassenen Antizionismus und Antiamerikanismus Gedanken.

Neuer Antisemitismus?Politisches BuchEine globale DebatteDoron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider (Hrsg.)Buch(es 2386)2004Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.12,50332
 
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