Der zentimeterdicke Mehltau, der mittlerweile über den Aussöhnungs- und Verständigungsritualen zwischen Deutschland und Frankreich liegt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um zwei rivalisierende Geschwisternationen handelt, die in einem beispiellosen Lern- und Konkurrenzverhältnis stehen. Auch wenn der Wetteifer beider Länder nachgelassen hat, abwechselnd entweder genau das Gleiche oder aber exakt das Gegenteil zu tun wie der Nachbar, so ist das Interesse am Maßnehmen und Vergleichen untereinander immer noch größer als gegenüber jedem anderen Land. In diesem Spiegelkabinett nimmt der 1925 in Frankfurt am Main geborene und 1933 nach Frankreich emigrierte Politologe und Publizist Alfred Grosser seit Jahrzehnten eine zentrale Beobachtungsposition ein. In 30 Büchern hat der deutsch-jüdische Franzose den Erben des alten Karolingien erklärt, welchen Nutzen sie aus ihrem allzu häufig als Nachteil empfundenen Komplementärverhältnis ziehen können.

Zu Grossers 80. Geburtstag diese Woche erscheint sein neues Buch Wie anders ist Frankreich?, das seine Vergleichsstudie von 2002 Wie anders sind die Deutschen? ergänzt. Damals wollte Grosser in erster Linie die Deutschen mit sich selber vertraut machen. Denn von ihrer neu-alten Hauptstadt, von Ostdeutschland und den wackligen Perspektiven zwischen EU und Weltpolitik waren die Bundesbürger immer noch so irritiert, dass sie für das günstige Urteil eines Franzosen über ihr Land überaus empfänglich waren: Obwohl Deutschland, so sein Resümee, der einzige Staat in der EU sei, der sich nicht auf die Idee einer Nation, sondern auf eine politische Moral stütze, habe das Land eine Einigkeit über seine Grundwerte von Recht und Freiheit erreicht, die alle politischen Zerwürfnisse überstehe.

Damit hatte Grosser implizit die Folgefrage seines neuen Frankreich-Buches aufgeworfen: Wie steht es um die politische Moral in einem Land, das sich seit jeher auf die Idee einer großen Nation beruft? Anders als das politisch-moralisch runderneuerte Deutschland schleppen die Franzosen ein widersprüchliches Traditionsgepäck von royalistisch-revolutionär-republikanischen Werten mit, auf die sich Volksfront-Regierungen, Kollaborations-Regime und Demokratien gleichermaßen beriefen. Obwohl in Frankreich die Loyalität und Stabilität von Staatsdienst und Institutionen über allem stehen, weist Grosser die Mär von der glücklicheren Geschichte des Landes weit zurück. Das heutige Selbstbewusstsein sei allein dem Mutwillen General de Gaulles zu verdanken, der die letzten drei katastrophalen Niederlagen – die Besetzung 1940 sowie den Indochina- und den Algerienkrieg – nicht in Selbstzerfleischung und Aggression, sondern in einen Nationalismus des Stolzes münden ließ.

Das erklärt die oft unerquicklichen Störmanöver der Franzosen im europäischen und atlantischen Bündnis. Wegen ihrer auf Misstrauen gründenden Alleinstellung griffen sie zu mancher List, die schließlich doch noch zur Auflösung der Blockkonfrontation beitrug. Dabei ist Grosser im historischen Urteil schärfer als in der Diagnose heutiger Schwächen: Die Mängel des Präsidialsystems, die Elefantiasis der Staatsdienste, den Niedergang der Universitäten, die Islamophobie oder den überfälligen Staatsumbau der Dezentralisierung behandelt er nur flüchtig. Dafür spendet er den Helden des französischen Alltagslebens – Grundschullehrern, Bürgermeistern, Kirchenleuten, Krankenschwestern sowie auch der Kino- und Debattenkultur – so viel berechtigtes Lob, dass man einen tieferen Einblick in die individualistische Gemeinschaftsmoral der Franzosen bekommt als durch jede Institutionenanalyse.

Bei allem erliegt der Zeitdiagnostiker Alfred Grosser niemals der Versuchung, die Walter Benjamin einmal den "Widersinn einer verneinenden Geschichtserkenntnis" nannte. Im Wissen um alle Irrwege ist der Autor mit der gelungenen Europäisierung seiner beiden Heimatländer vollauf zufrieden.