Pinotgefühle
Wie in allen großen Komödien geht es in Sideways um die letzten Dinge und die großen Widersprüche. In diesem Fall dreht sich die Geschichte um die Unverzichtbarkeit von Lebenslügen und die ebenso unabweisbare Notwendigkeit, irgendwann doch mit ihnen Schluss zu machen.
Zunächst aber geht es um Männerfreundschaft und Wein - sehr viel und sehr guten Wein. Der unglücklich geschiedene Möchtegernschriftsteller Miles (großartig: Paul Giamatti) und sein College-Kumpel Jack (Thomas Haden Church), ein Gelegenheitsschauspieler, dessen Karrierehöhepunkt der Arzt in einer Vorabendserie war, gehen für eine Woche auf Tour. Jack wird heiraten und will es an seinen letzten freien Tagen noch einmal richtig krachen lassen. Miles hat dabei eigentlich mehr an eine Reihe von Weinproben, ausgedehntes Essen und Golfpartien gedacht.
Alexander Payne hat sich nach About Schmidt wieder an einem Road Movie versucht, diesem Vehikel der amerikanischen Kulturkritik. Das Muster ist eng verknüpft mit der amerikanischen Siedler-Mythologie - das spießige, falsche Leben der Niedergelassenen steht gegen den Aufbruch ins wahre Leben der permanenten Bewegung. Payne bewahrt sich diesmal vor der selbstgefälligen Spießerkritik, indem er ein ungleiches Paar auf die Reise schickt, dessen komische Abenteuer die Widersprüche eines solchen Ausbruchsversuchs herausarbeiten.
Miles ist ein Weinkenner, dessen Sinne sich in das Schmecken und Beschreiben feinster Pinot-Sorten zurückgezogen haben. Sideways ist ganz nebenbei auch eine weise kleine Etüde über das männliche Kenner-Sammler-Wesen als eine Art des Genießens auf der Grenze zu Sucht und Fetischismus. Der Film macht sich gelegentlich ein wenig lustig über Miles' Verfeinerung (... ein zarter Verdacht von Spargel, ja, und ein flüchtiger Hauch von nussigem Edamer Käse ...). Aber sein Intellektualismus wird eben nicht denunziert. Man zittert mit, ob es ihm gelingen wird, seine Beziehungsangst zu überwinden und der schönen und empfindsamen Maya Gefühle zu gestehen, die sicher ebenso differenziert sind wie seine Begeisterung für die Pinot-Traube.
Jacks Lüsternheit, die ihn zwei Nächte vor seiner Hochzeit in eine Affäre katapultiert, kommt ihn zwar teuer zu stehen. Aber Payne schafft es, dass man Mitleid mit dem rücksichtslosen Betrüger empfindet und ihm am Ende noch die Daumen drückt, dass seine Braut nichts von der Eskapade merkt. Der Film spielt die beiden Männer nicht gegeneinander aus und beantwortet unser Bedürfnis nach moralischer Eindeutigkeit mit komischer Komplexität: Miles braucht zu seinem Glück mehr Aufrichtigkeit. Jack hingegen braucht das Recht auf ein erotisches Doppelleben.
Sideways ist der größte Überraschungserfolg des letzten Jahres. Der Independent-Film mit schmalem Budget und ohne Stars hat bereits 40 Millionen Dollar eingespielt. Die Weinindustrie um Santa Barbara kann sich vor Touristen kaum retten, es werden schon Sideways-Touren angeboten. Auch bei den Oscars kann Paynes Film mit fünf Nominierungen mächtig abräumen. Das macht nicht nur für Hollywood, sondern für das Land im ganzen Hoffnung: Jenes Amerika, das den Charme des Außenseiters zu schätzen weiß, das Genussfreude nicht mit Amoralität gleichsetzt und moralische Widersprüche nicht mit der Rhetorik der moral values zukleistert, ist offenbar lebendig und wohlauf.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06/2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren