Adam Mickiewicz, Polens größter romantischer Dichter, sah im 19. Jahrhundert sein zerschlagenes Land als »Christus der Völker«. Zugleich nannte er Israel den »älteren Bruder« Polens. Viele seiner Landsleute führte die Vorstellung von der Märtyrerrolle nicht zu dieser brüderlichen Sicht, sondern zur Schuldzuweisung an die Juden. Nach der Aufteilung der alten Adelsrepublik durch die imperiale Triade Preußen, Russland und Österreich Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich die Nation ohne Staat auch existenziell bedroht gefühlt. Die Angst vor dem inneren Feind wurde auf die Juden projiziert.

Vor allem die Nationaldemokraten setzten ihre Hoffnung auf einen ethnisch und konfessionell homogenen, mithin polnisch-katholischen Staat. Sie waren es auch, die nach der staatlichen Wiedergeburt 1918 die 3,5 Millionen Juden – zehn Prozent der Bevölkerung – als die größte innenpolitische Gefahr ansahen. Stimmen vom rechten Rand verlangten die Vertreibung der jüdischen Mitbürger »nach Madagaskar«. Schon in den dreißiger Jahren kam es zu Ausschreitungen und Boykottdrohungen gegen jüdische Geschäfte. Der einfache Klerus war vielerorts mit von der Partie, auch die Regierung benachteiligte die Juden mehr und mehr. 1938 beschloss das Parlament, jüdische Schulen nicht länger zu unterstützen. In den Volksschulen mussten sich jüdische Kinder auf die hinteren Bänke setzen.

Im August 1939 schlossen Hitler und Stalin ihren Nichtangriffspakt und teilten sich die Einflusssphären. Jedwabne gehörte zum sowjetischen Besatzungsgebiet, in dem Stalins Kommissare in den folgenden Monaten ihr System mit brutaler Gewalt durchsetzten. Viele polnische Familien wurden nach Sibirien deportiert. So fürchteten die Polen in den Ostgebieten die Russen mehr als die Deutschen. Als diese Ende Juni 1941, nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion, dort einmarschierten, wurden sie in vielen Orten mit Jubel empfangen.

Den Juden hingegen hatte die Rote Armee zumindest die Rettung vor den Deutschen gebracht. Zunächst bot die sowjetische Besatzungsmacht der jüdischen Bevölkerung auch bessere Posten in Verwaltung, Schulwesen und verstaatlichten Betrieben an. Solche Aufstiegsmöglichkeiten hatten ihr die polnischen Behörden erschwert oder verwehrt. Es dauerte allerdings nur kurze Zeit, bis auch die Juden den gleichen Repressionen wie die übrige Bevölkerung unterworfen wurden.

Für viele Polen aber waren sie Kollaborateure. Nach dem Rückzug der Russen 1941, so der polnische Historiker Marek Wierzbicki, verstärkte sich der noch begrenzte Antisemitismus der Vorkriegszeit »im sowjetischen Besatzungsgebiet ohnegleichen. Man identifizierte die Juden mit dem Sowjetsystem und übertrug allen Hass auf sie. Somit wurde, durch die sowjetische Besatzung von 1939 bis 1941, der Antisemitismus in gewissem Sinne zu einem Element des polnischen Patriotismus in den Ostprovinzen.«

Von Dessen ungeachtet retteten viele Polen Juden vor dem Holocaust. In Jad Vaschem werden 5.800 Polen als Gerechte unter den Völkern geführt. Aus keiner anderen Nation sind auch nur annähernd so viele Menschen von Israel ausgezeichnet worden. Andererseits gab es auch nach dem Kriegsende noch Pogrome. Viele Überlebende der Schoah verließen das Land. 1968 bürgerten die Kommunisten während ihrer antisemitischen Kampagne fast 20.000 Juden aus. Das war das eigentliche Ende der jüdischen Gemeinde, die heute noch 10.000 Menschen zählt. Christian Schmidt-Häuer