Moral und Mitleid Wenn die Moral dünn wird
In seinem glanzvollen Buch »Nahes und fernes Unglück« diskutiert Henning Ritter die Frage, wie weit unsere Verantwortung reicht
Wir leben in schwierigen Zeiten. Nicht genug damit, dass der Schnürsenkel reißt, dem Freund gekündigt wurde, die Schwiegermutter schwer erkrankt ist und der Steuerbescheid ein Fiasko bedeutet. Nein, es ist fast so, als wanderten die Katastrophen direkt aus dem Kino in die wirkliche Welt und als behielte Jakob van Hoddis Recht, der in seinem Gedicht
Unser Problem scheint darin zu bestehen, dass uns das nahe Unglück, sei es noch so klein, mehr beschäftigt als das ferne, und sei es noch so groß. Die Moral verdünnt sich mit der Entfernung. Wir neigen zu der Ansicht, die Globalisierung verschärfe ein Mitleidsgebot, dem wir nicht gewachsen sind. Um uns moralisch zu entlasten, spenden wir für Flutopfer an Stränden, wo wir gerne baden, aber die Erdbebenopfer in wüsten Gebirgen vergessen wir.
Ist das überhaupt ein Problem? Jedenfalls ist es kein neues. Zu den vielen erhellenden Einsichten, die uns Henning Ritter in seinem Buch Nahes und fernes Unglück beschert, gehört seine Beobachtung, dass die Reichweite der Moral schon im 16. Jahrhundert, im Zeitalter der Entdeckungen, Eroberungen und Handelsbeziehungen, die Menschen intensiv beschäftigt hat. Und im 18. Jahrhundert, vor allem ausgelöst durch das Erdbeben in Lissabon 1755, entstand eine heftige Debatte über Fragen, die uns auch heute quälen: Haben alle Menschen dieselben Rechte? Wenn ja: Wie weit geht unsere Verpflichtung, ihnen beizustehen?
In seiner Theorie der moralischen Empfindungen (1759) denkt sich Adam Smith folgende Geschichte aus: »Stellen wir uns vor, dass das große chinesische Reich mit seinen Myriaden von Einwohnern plötzlich durch ein Erdbeben verschlungen würde.« Die Nachricht von dieser unvorstellbaren Katastrophe erreicht auch einen Mann in London. Da er selbst in keiner Weise davon betroffen ist, wenden sich seine Gedanken, nach anfänglicher Bestürzung und Trauer, rasch auf die generelle Gefährdetheit des menschlichen Daseins und von da auf den weiteren Fortgang seiner Geschäfte und Obliegenheiten. Adam Smith erweitert dieses Gedankenspiel und nimmt an, der Mann müsse plötzlich um den Verlust seines kleinen Fingers fürchten, vielleicht wegen einer Entzündung, und diese Furcht bereite ihm schlaflose Nächte. Schon haben wir den beunruhigenden, aber doch alltäglichen Widerspruch, in dem wir leben: Hier die brennende Sorge um den kleinen Finger, dort ein vages philanthropisches Bedauern über den Tod von Millionen.
Erstaunlicher als die Selbstsucht der Menschen ist ihre Großzügigkeit
Adam Smith findet das Verhalten des Londoners vollkommen normal und verständlich. Erstaunlicher findet er, dass es dennoch Humanität und Großzügigkeit im menschlichen Umgang gibt, und er führt das zurück auf die Beobachtung, dass wir oftmals anders handeln, als wir fühlen. Anstatt dies zu verurteilen, wie es manche Moralphilosophen tun, begrüßt er es. Die Menschen verfolgen ihr eigenes Interesse, aber da sie stets dazu neigen, die Risiken zu unterschätzen, ihr Ziel aus den Augen zu verlieren und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag zu missachten, führt ihr Handeln zugleich zur Bildung und Stärkung eines übergeordneten Ganzen. Das ist die berühmte »unsichtbare Hand« (wobei Smith nicht glaubt, damit sei alles bestens geregelt, er erklärt nur, wie trotz der Selbstsucht der Menschen Gutes entstehen kann). Und was nun das Mitleid betrifft, so hält er nichts davon, es künstlich zu erregen und auf fernes Unglück zu richten. Besser ist es, das Unglück des Nächsten wahrzunehmen und ihm Beistand zu geben.
Am Beispiel Smith sieht man, wie es Henning Ritter gelingt, anhand ebenso einfacher wie kniffliger Fragen die großen sozialtheoretischen Entwürfe anschaulich zu machen. Nahes und fernes Unglück ist auch eine kleine Geistesgeschichte der Entstehung einer universellen Moral. Wer Ritters scharfsinnige Beiträge in der FAZ regelmäßig liest, den wird es nicht wundern, dass auch dieses Buch glanzvoll geschrieben ist, in einer Sprache zurückhaltender Eleganz, die mit Kenntnis nicht prunkt.
Darf ich einen alten Mandarin in China töten?
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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