Schach
»Es war dunkel draußen. Ich ging nach Hause, zog meine alten Hauskleider an, stellte die Schachfiguren auf, mischte einen Drink und spielte einen neuen Capablanca nach. Er hatte 59 Züge. Schönes, kaltes, gefühlloses Schach, es war fast unheimlich in seiner schweigenden Unversöhnlichkeit« (Raymond Chandler: Das hohe Fenster ).
Womit ich – nur halb paradox – beim Buch über die Schach-WM 2004 Kramnik vs Leko bin. Nach seinem Sieg in der allerletzten Partie und damit dem Ausgleich zum 7:7-Endstand behielt Kramnik seinen Titel, den er vorher Kasparow abgenommen hatte.
Der SZ- Kolumnist Martin Breutigam und die Großmeister Artur Jussupow (der mit mir vor Ort live fürs Internet kommentierte) und Christopher Lutz lassen in dem gerade beim deutschen Verlag Chessgate auf Englisch erschienenen Buch diesen Wettkampf im Centro Dannemann am Lago Maggiore noch einmal lebendig werden.
Doch darüber habe ich bereits mehrfach berichtet, deshalb ein »Ausflug« zu zwei Weltmeistern vorher, die wie alle, angefangen bei Wilhelm Steinitz (1886 bis 1894) bis zu Garry Kasparow (1985 bis 2000), in ebenfalls glänzenden Porträts mit Partiebeispielen eingefangen werden. Im Kapitel über den vierten Weltmeister Alexander Aljechin, der 1927 dem Kubaner José Raúl Capablanca den Titel abnahm, heißt es: »Wenn Capablanca der Mozart des Schachs war, so erinnert Aljechin an Wagner. Seine Partien waren so voller origineller Ideen, so reich und klangvoll orchestriert, so chromatisch in ihren Harmonien und dabei die Dissonanz streifend, dass kaum einer seiner Zeitgenossen ihnen folgen konnte« (nach Harold Schonberg, dem Musikkritiker der New York Times ).
In der 21. Partie, einer der Besten des Wettkampfs, hatte Aljechin nach glänzendem Spiel obige Stellung erreicht. Wie bewegte er als Schwarzer mit einer petite combinaison Capablanca zur sofortigen Aufgabe? Nachher sollte dieser, ähnlich formvollendet wie Peter Leko 77 Jahre später, seinem Widersacher zum Sieg gratulieren: »Lieber Herr Aljechin, ich gebe auf. Sie sind der neue Weltmeister, ich beglückwünsche Sie zu diesem Erfolg. Meine Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin. Mit aufrichtigen Grüßen – J. R. Capablanca.«
Wahrlich nicht immer in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften – später auch nicht zwischen Capablanca und Aljechin – war der Ton so höflich.
Helmut Pfleger
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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