Es fehlt der Wind aus Süd-Nord
Sport und Theater in Berlin
»Der Ausdruck des Körpers in der Bewegung ist vielleicht das Hinreißendste im Fußballspiel, weil der Mensch in der Hingabe, der Besessenheit des Spiels zu höherem Zweck die berechnende Bewußtheit verliert und sich unmittelbar ausdrückt in einem höheren Sein.« Diesen Satz schrieb Bernhard Minetti, dessen 100. Geburtstag wir soeben gefeiert haben. An Minetti, dem großen Schauspieler, orientiert sich seine Zunft: Jeder wahre Schauspieler ist auch Fußballexperte. Im Spiel sucht er das höhere Sein, das Ende der Berechnung.
Fußball und Theater tragen in sich die Unschuldsverheißung. Das Spiel mit dem Ball und das Spiel mit der Sprache – beides sind Veranstaltungen für Narren, die an die Wahrheit des Augenblicks glauben. Im Theater gilt nur die Gegenwart (Ein Pfeil durchbohrt ihn, er fährt mit der Hand ans Herz und will sinken – Gessler im Wilhelm Tell). Im Fußball auch. Reden Fußballer übers vergangene Spiel, so benützen sie das Präsens. Wir bekommen den Elfer und gewinnen das Spiel, sagt der Trainer und meint: Hätte der Schiedsrichter Elfmeter für uns gepfiffen, hätten wir das Spiel gewonnen. Das Präsens ist die Zeit der Unverdächtigen, der Kinder. Den muss er doch machen, sagen Fans über eine Chance, die ihr Stürmer längst versiebt hat. Das Präsens ist auch die Zeitform der Hoffnung: Flutlicht und Bühnenspot sollen leuchten, das Spiel endet nie.
Und nun: Berlin mal wieder! Die Hauptstadt gibt Anlass zur Empörung. Man versteht sich dort nicht auf die Kunst des Spielens. In Berlin ist alles Berechnung, Geschäft, doppelter Boden. Dort darf über Spiele nicht mehr im Präsens geredet werden, es drängt sich der Konjunktiv Plusquamperfekt auf: Alles könnte ganz anders gewesen sein. Einerseits im Fußball: Schiedsrichter Robert Hoyzer, Berlin, hat uns alle verpfiffen. Könnte sein, dass die Geschichte des deutschen Fußballs in weiten Teilen neu geschrieben werden muss. Ganze Jahrgänge des Kickers sind ungültig, die Bundesligatabellen der Vergangenheit brechen in sich zusammen. Andererseits: Das Berliner Theater, ein Tollhaus! Unter den Bühnen tun sich Abgründe auf. Ein Ost-Senator (Thomas Flierl) will den West-Intendanten (Bernd Wilms) einer Ost-Bühne (Deutsches Theater) loswerden wegen dessen West-Ästhetik und einen Ost-Intellektuellen (Christoph Hein) an die Stelle des West-Intendanten setzen. Die West-Kulturmafia heult, die West-Presse vertreibt den Ost-Intellektuellen, der Ost-Senator holt zähneknirschend den West-Intendanten zurück.
Fußball und Theater sind intime Vorgänge. Wir verzeihen nicht, wenn sich jemand zwischen uns und unsere Helden stellt. In Berlin stehen viele im Weg: Schiedsrichter. Die Mafia. Senatoren. Intendanten. Kritiker. Westdeutsche! Und Ostdeutsche! Wird lange dauern, bis der Blick wieder frei ist auf einen Menschen aus der unverdächtigen Richtung Süd-Nord (Woyzecks Windrichtung), auf einen Spieler .
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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