Tatorte ohne Täter
Klaus Staeck als Melancholiker in Hamburg
Das künstlerische Werk von Klaus Staeck, Rechtsanwalt, Schriftsteller, Satiriker, Fotograf und Unterschriftensammler, Heidelberger Galerist und Quälgeist weniger der ehemals christlichen als vielmehr der anderen, ehemals sozialistischen Volkspartei ist in einer Retrospektive zu betrachten. Ausgestellt wird das Werk in dem zweistöckigen Loft einer leer stehenden Fabrikhalle der Hamburg-Harburger Phoenix-Werke. Ermöglicht hat dies der hanseatische Unternehmer und Kunstsammler Harald Falckenberg. Das ist die erste Überraschung. Was dem sozialdemokratisch regierten Staat eine steuersubventionierte Flick Collection wert ist, wiegt ein Hamburger Millionär mit einem privat finanzierten Staeck-Rückblick auf: So bieten sich in Berlin und in Harburg zwei Zeitreisen in politisch aufgeladene Kunstdiskussionen an, deren kritisches Arsenal spätestens während der 5.
Documenta, also vor mehr als dreißig Jahren bereits ausbuchstabiert war - rings um die Rezeption des Staeck-Freunds Joseph Beuys und der Werke von Wolf Vostell, KP Brehmer, Blinky Palermo auf der einen Seite oder der gesellschaftskritisch anspruchsloseren Pop-Art der Warhols, Lichtensteins und ihrer Nachfolger auf der anderen.
Der Ausgang der Diskussion ist so bekannt wie die Entscheidung des Kunstmarkts: Ein Lichtensteinscher signierter Siebdruck wiegt im Preis viele Staeck-Plakate auf. Politisierende Künstler nerven heute genauso wie Gewerkschaftsdemonstranten mit ihrem Pfeifengetriller vor Werkstoren. Die kunstsammelnde Gesellschaft hat ihre Ordnungsprobleme delegiert an die Politiker, und die hat sie überwiesen an die Herrschaft der Sachzwänge und der Globalisierung. Baselitz' stürzender Reichsadler über dem Schreibtisch des Bundeskanzlers ist kein politisches, sondern ein ästhetisches Statement: Tiere und Figuren, die aufsteigen, sind prinzipiell nicht Baselitz' Thema.
Angela Merkel ist kein satirisches Sujet
Für die ästhetische Dekoration der resignativen Realität Deutschlands taugen künstlerische Entwürfe privater Mythen eines Neo Rauch oder Anselm Kiefer.
Sie verkaufen sich besser als satirische Plakat-Polemik - denn diese ist prinzipiell zeitgebunden und droht mit ihren politischen Anlässen zu verblassen. Klaus Staeck weiß das, also sucht er sich neue - es gibt sie, und sein Gerechtigkeitssinn ist der alte. Nur die Themen sind abstrakter als zu jenen Zeiten, da eine Franz-Josef-Strauß-Montage noch auf linkes Einverständnis bauen konnte. Angela Merkel ist kein ernsthaftes Staeck-Sujet mehr - was weder für sie noch gegen sie spricht. Das ist ihr Problem - und Staecks. Der polemische Staeck-Schwung der sechziger und siebziger Jahre ist weg. Nicht Staeck, sondern sein altes Publikum hat es sich bequem gemacht. Es hat schon genug Ärger mit seiner Altersvorsorge. Und doch, wer unter Staecks Zeitgenossen wird sein Wahlkampfplakat von 1972 vergessen: Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen? Jetzt gibt es immer weniger Arbeiter im Dienstleistungsland, stattdessen immer mehr Arbeitslose. Wen die wählen werden, beängstigt beide Volksparteien. Wer will es dem Satiriker verargen, dass seine Arbeiten melancholischer werden?
Kummer über die Armut der Moderne
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06/2005
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