Thailand Im Zwiespalt
Wer jetzt nach Thailand reist, findet viel Platz und saubere Strände. Doch an eine heile Welt muss sich der Tourist erst wieder gewöhnen
Schwer, nachher noch zu sagen, was man sich vorgestellt hat. Lichterketten am Strand, Kellner in schwarzen Sarongs, Schweigeminuten beim Schnorcheln? Wahrscheinlich nur irgendeinen Ausdruck des Zwiespalts, den es bedeutet, jetzt an die Strände von Thailand zu fahren. Aber da ist nichts. Die meisten thailändischen Ferienparadiese hat der Tsunami sogar attraktiver gemacht. Alles ist noch da, bis auf den Rummel. Die Hotels bieten mitten in der Hochsaison Rabatte an. Wo schon früher auf jeden Gast ein Angestellter kam, da sind es heute drei oder vier, die einander das Gepäck aus den Händen reißen oder auch bloß die Fliegen vom Frühstücksbüfett scheuchen. Die Strände sind schöner als je zuvor. Das sagt einem jeder hier. Ein paar Leute baden. Und wer die Ruhe unheimlich findet, sieht nur die Gespenster, die er selbst mitgebracht hat – als Erinnerungen, Fernsehbilder oder Gerüchte.
Diese Gespenster zu bannen ist die Mission von Frank Haussels. Er ist Marketingmanager beim Thailändischen Fremdenverkehrsamt und sagt Dinge, die vom deutschen Standpunkt kaum weiter entfernt sein könnten. 5.300 Tote seien »relativ wenig«. Man habe »Glück im Unglück« gehabt, weil der Tsunami nur wenige Gebiete traf: Khao Lak, Teile von Phuket und die Insel Phi Phi. Die Katastrophe, die Haussels umtreibt, ist eine ökonomische, verursacht von Menschen. Drei Schuldige hat er ausgemacht: das Auswärtige Amt mit seinen Warnungen vor Epidemien, die es nicht gab. Die Reiseveranstalter, die in panischem Aktionismus ihre Kunden ausgeflogen hätten, oft gegen deren Willen und meist ohne Grund. Die Medien, die Bilder aus allen Katastrophengebieten so wahllos durcheinander gerührt hätten, dass man denken könnte, halb Thailand sei zerstört.
Um wenigstens das richtig zu stellen, führt Haussels einen Trupp deutscher Journalisten vier Tage lang von Strand zu Strand und Hotel zu Hotel. Man muss der Reise zugute halten, dass sie das Elend nicht versteckt. »Eventuell Abstecher nach Khao Lak« steht ganz oben auf dem Reiseplan, wenn auch vielleicht nur, um das möglichst schnell abzuhaken. Khao Lak hat es am schlimmsten getroffen. Fünf Minuten Fotostopp vor der neuen Sehenswürdigkeit, einem Polizeiboot, das die Flut 500 Meter im Landesinneren abgesetzt hat. Die Welle sei noch zwei Kilometer weiter geströmt, erklärt Haussels. So viel zu dem Vorwurf, die Hotels wären zu nah am Wasser gebaut.
Zwanzig Minuten beim Resort Magic Lagoon. Die Nachricht seiner Vernichtung war es, die deutsche Politiker vom Jahrhundertunglück reden ließ. Das Wasser hat die Anlage förmlich durchlöchert. Vom Strand aus kann man durch Türrahmen und eingedrückte Mauern vom einen Ende zum anderen schauen. Um die 400 Gäste waren hier und fast ebenso viel Personal. Zu den Opfern hat Frank Haussels keine Zahl mehr parat, nur einen schwachen Trost: »Es sind nicht alle gestorben.« Die Idee eines TUI-Sprechers, Khao Lak zur Gedenkstätte zu machen, kümmert hier niemanden. Die Hotels gehören nach dem Gesetz Einheimischen; und die wollen möglichst bald wieder öffnen – die meisten wohl noch in diesem Jahr.
Zwei Stunden später, eine Welt weiter. Das prächtige Banyan Tree Resort Phuket hatte es bislang kaum nötig, um Gäste zu werben. Doch nun ist gerade einmal jedes vierte Bett belegt. Noch immer stornieren Kunden mit der Begründung, ihnen sei die Lust auf Luxus vergangen. Einmal hier, an einem lauen Abend im Pool der eigenen Villa, fällt es schwer, diese Bedenken zu teilen. 950 Dollar kostet die Übernachtung. Ein Brief auf dem Nachttisch teilt mit, dass zwei Dollar davon dem Aufbau der umliegenden Dörfer zukommen.
Ein paar Dinge sollen sich ändern an den thailändischen Stränden. Arnont Promnart, Gouverneur der Provinz Krabi hebt zwei Gefahrenquellen hervor: die vielen Strandbuden, die bei der Flut Fluchtwege abschnitten, und die hölzernen Liegestühle, die Menschen erschlugen. Beide will er auf Phi Phi reduzieren. Hinter dem neuen Sicherheitsstreben stecken allerdings alte wirtschaftliche Händel: Die großen Hotels ringen mit den mafios organisierten Kleinhändlern um jeden Quadratmeter Strand, obwohl der als Staatsbesitz eigentlich weder abgesperrt noch bebaut werden darf. Dass auch nur eine der beiden Parteien sich zurückziehen wird, glaubt hier niemand.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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