Spezialeffekte
Harald Martenstein fordert ein neues Kinogesetz
Eine Kollegin schreibt an einem Buch über Die Geheimnisse der Filmbranche . Sie sagte: »Wusstest du, dass sich viele Stars vor der Oscar-Verleihung Botox in die Achselhöhlen spritzen lassen, damit sie keine Schweißflecken kriegen?« Ich sagte: »Ist ja krank.« Sie: »Es gibt auch neue Berufe in der Filmbranche. Wie die Gagschreiber für Fernsehshows gibt es inzwischen spezielle Biografie-Erfinder. Ich kenne einen, der für eine bekannte Showgröße aufregende oder lustige Details ihrer Jugend erfunden hat, weil ihre echte Jugend langweilig war. Die erfundenen Storys erzählt die jetzt in jeder Talkshow.« Ich: »Schreib das auf, Kisch!« Sie: »Er darf nicht darüber reden. Sonst killen die ihn. Außerdem hat so eine Schauspielerin aus den USA einen Mann als Honorarkraft, dessen Job darin besteht, vor allen öffentlichen Auftritten mit Eisstückchen ihre Brustwarzen hart zu machen. Er heißt im Team nur The Nipple Man.« Ich: »Ist das mit den Nippeln denn bei den Amerikanerinnen so schwierig, dass man dafür extra eine Fachkraft braucht?« Sie: »Die Talkshows dauern manchmal zwei Stunden. Da brauchst du schon einen Spezialisten, damit es bis zum Schluss hält.«
Diese Kolumne soll vorsichtig auf die Berliner Filmfestspiele vorbereiten. Ich war in einem Film. Man sah einen Chinesen mit Clark-Gable-Bärtchen, der mit einer schönen Chinesin nach der anderen rummachte. Nach einer Weile hörten sie immer auf und trennten sich, aus Gründen, die man nicht verstanden hat. Die Chinesen in dem Film weinten die ganze Zeit, weil sie sich total liebten und die Gründe für die Trennung ebenfalls nicht verstanden haben, aber der Wunsch des Regisseurs ist auf dem Set Gesetz. Dabei fiel mir auf, dass bei weinenden Chinesen die Tränen fast im Neunzig-Grad-Winkel aus den Augen herausspritzen wie aus einem Gartenschlauch. Der Chinese besitzt inwendig offenbar größere Flüssigkeitsvorräte als der Europäer. Oder es war wieder so ein Einfall des Regisseurs.
Ich finde es faszinierend, wie aus dem Kino der eine Mensch herauskommt und sagt: »Eine visuelle Kraft, die sich gewaschen hat!«, während zum Beispiel ich herauskomme und sage: »Der Regisseur gehört auf die Insel St. Helena verbannt.« Dies ist der wissenschaftliche Beweis dafür, dass nicht alle Menschen gleich sind.
Hier der Entwurf für ein neues Filmgesetz. Erstens ist es verboten, in einem Film als Filmmusik andauernd die gleichen Akkorde oder Takte zu spielen, denn das nervt. Regisseure, die so etwas tun, zahlen eine Geldstrafe. Wenn aber zu der monotonen Musik gleichzeitig weinende Chinesen zu sehen sind, kostet es doppelt so viel. Zweitens. Manche Filme versuchen, von Anfang an den Zuschauern zu suggerieren, dass sie bedeutend sind. Zum Beispiel wird Klaviermusik in Moll gespielt, die Leute tun alles besonders langsam, und eine Frauenstimme aus dem Off sagt minutenlang niveauvolle Sachen auf. Im Zivilleben gibt es solche Frauen doch gar nicht. Diese Tricks werden ab sofort verboten. Drittens. Es wird ein Deutscher Filmpreis in der Kategorie »Bester Nippelmann« eingeführt, damit wir nicht auch da wieder den Anschluss ans internationale Niveau verlieren.
- Datum 03.02.2005 - 13:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.02.2005 Nr.6
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