Ich habe einen Traum

Yasmina Reza, 45, Dramatikerin, Schriftstellerin und Schauspielerin, wurde in Paris als Tochter einer ungarischen Violinistin und eines iranischen Geschäftsmannes geboren. 1987 debütierte sie als Dramatikerin. Mit dem Drei-Personen-Stück "Kunst" wurde sie 1994 weltweit bekannt. Am 3. Februar stellt Yasmina Reza in Hamburg ihren Roman "Adam Haberberg" vor, die Premiere von "Ein spanisches Stück" am Hamburger Schauspielhaus soll Ende März stattfinden. Hier erzählt Yasmina Reza von der Schwierigkeit, über Träume zu sprechen von Moira

Ich habe einen Traum? Auf den ersten Blick ist das etwas vollkommen Selbstverständliches, etwas, was wir alle miteinander gemein haben. Für mich birgt die Einladung, mich auf dieser Seite zu äußern, allerdings eine gewisse Ironie, denn ich habe, so glaube ich zumindest, stets gegen Illusionen gearbeitet mit anderen Worten, für die unvermeidliche Begegnung mit den Tatsachen. Jetzt aber merke ich, so verblüffend es ist, dass das für mich durchaus keine einfache Gedankenübung ist.

"Ich habe einen Traum?" Der Traum, der auf irgendeine fantasiebetriebene Umschminkung der Wirklichkeit abzielt, produziert für mich nur lauter verlogene Bilder. Der Traum ist mit der Nacht verknüpft, mit dem Unsagbaren. Man kann einen Traum nicht erzählen, man erzählt sofort irgendetwas anderes. Sobald man einen Traum erzählt, erzählt man keinen Traum mehr, sondern eine Erinnerung. Wer sagt, ich habe einen Traum, meint damit einen Traum für die Zukunft. Einen noch zu träumenden Traum sozusagen. Ich verstehe darunter eine Hoffnung. Etwas, das sich nicht im Reich der Illusion oder des Unmöglichen abspielt, sondern im Reich der Zeit. Etwas Glückliches, Unwahrscheinliches oder nahezu Unrealisierbares, das der Zukunft angehört.

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Mir fallen hier sofort Borges’ Verse ein: "Behüte mich, Herr … nicht vor dem Schwert oder der roten Lanze behüte mich, Herr, sondern vor der Hoffnung."

Ich teile absolut seine Sicht. Man muss sich vor der Hoffnung hüten. In einer Zukunft, in der noch alles möglich ist, kann mein Traum sich erfüllen oder eben nicht. Man kann nicht in Erwartung seines Traumes leben. Die Erwartungshaltung ist etwas Furchtbares. Oder man schenke mir die Weisheit, hoffen zu können, ohne zu erwarten. Da bitte – ein möglicher Traum! Alles erhoffen, nichts erwarten. Diese Formel gehört, glaube ich, zu den jüdischen Weisheiten. Die Juden – und übrigens nicht nur sie, aber sie ganz besonders – haben stets solche verführerischen und unanwendbaren Rezepte zur Hand. Oder besagt die Formel etwas ganz anderes? Dass nur große Pessimisten hoffen können?

Dieses Paradox gefällt mir ziemlich gut: dass die Hoffnung nur denen gehören soll, die keine haben. Ich erkenne mich darin wieder. Eine tiefe, wilde Hoffnung, die nicht an sich selbst glaubt. Dieser Widerspruch hält immer noch etwas Raum für den glücklichen Zufall frei.

Die einzigen mir möglichen Träume haben die Gestalt von Wünschen, in einem Rückgriff auf das Kindliche oder das Primitive. Und zwar, so möchte ich hinzufügen, in Form eines Geheimnisses. Geheime Wünsche. Denn wenn wir aussprechen, was wir uns wünschen, bringen wir es zum Verschwinden. Ich hoffe, man weiß diesen Einbruch des Irrationalen in eine Erörterung, die eine Hymne auf das Prinzip Realismus sein sollte, zu schätzen! Aber das Irrationale ist doch auch eine Erscheinungsform der Realität, oder? Das Unausgesprochene bewahrt sich eine Kraft und, wie soll ich sagen, eine ganz besondere Freiheit. Das Ausgesprochene hingegen fällt sofort der Realität anheim, denn die Worte gehören voll und ganz der realen Welt. Ganz gleich, ob sie mit der Realität verschmelzen oder sie manipulieren, sie verlieren jedenfalls an Zukunft. In Bühnendialogen oder ganz allgemein in der Literatur wird das deutlich sichtbar: Was uns verzaubert, lebt allein in den Leerräumen, die durch die Worte geschaffen werden. Es muss immer einen Raum des Schweigens geben. Und eigentlich können Traum oder Erwartung oder Hoffnung, wie immer man es nennen möchte, erst in diesem Raum des Schweigens Gestalt annehmen. In einem abgeschlossenen Raum ohne Licht und Laut, im Dunkeln, im Geheimen.

Einen Traum auszusprechen heißt, ihn nicht ernst zu nehmen. Als Traum, meine ich. Dann bleibt von ihm nur ein austauschbares Begehren, ein mehr oder weniger ausgefallenes, mehr oder weniger dringliches. Einen Traum auszusprechen heißt, ihn um seine Traumdimension zu bringen. Denn im Grunde hat es etwas Heiliges, wenn man etwas ganz intensiv will.

Aufgezeichnet von Moïra Paras

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  • Schlagworte Traum | Literatur | Hoffnung | Realismus | Hamburg | Oder
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