Der Erfolg von Ephraim Kishon hat einen Namen, der in den Nachrufen bloß in Nebensätzen erwähnt wird: Friedrich Torberg. Der hat ihn nämlich ins Deutsche übersetzt - leichtfüßig und elegant. Wer Kishon eine Nummer subtiler (oder dialektischer oder talmudischer) lesen möchte, möge sich die Tante Jolesch besorgen, eine ebenso witzige wie elegische Hommage an die untergegangene jüdisch-deutschsprachige Kultur zwischen Wien und Prag, mit Ausbrechern nach Brünn und Budapest.

Freilich hat die Tante nicht den phänomenalen Erfolg erzielt wie Drehn Sie sich um, Frau Lot! (1962) oder Arche Noah, Touristenklasse (1963). Über vierzig Millionen Bücher soll Kishon verkauft haben, davon die überwältigende Mehrheit in Deutschland (32 Millionen). Dieses massenpsychologische Phänomen schreit nach Erklärung. Zwei Antworten bieten sich an. Die eine ist, dass sich Kishon über Dinge lustig machte, die den Deutschen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten höchst vertraut waren: Bürokratie und Beamte, Verteilung von Knappheit, insbesondere von Wohnraum, die Arroganz und Sturköppigkeit all jener, die Macht über den kleinen Mann hatten. Vergessen wir nicht, dass Israel bis in die achtziger Jahre hinein ein zentraleuropäisches Gebilde sozialistischer Färbung war, eine demokratische Staatswirtschaft. Wenn Kishon über die Wohnungssuche oder nervende Nachbarn schrieb, musste man sich nur die Rechow Bialik als Schillerstraße vorstellen, und schon konnte jeder deutsche Leser seufzend nicken: So isses.

Die zweite Antwort stößt in die tieferen Schichten der Kollektivseele vor.

Endlich durfte man wieder über die Juden lachen, und umso herzhafter, als diese Juden nicht nur menschlich, allzu menschlich, sondern auch heldenhaft waren. Diese israelischen Juden mit ihren komischen Namen wie Nebenzahl, Feinholz oder Manfred Toscanini waren wie du und ich und zugleich Panzerfahrer und Piloten, die anders als die Deutschen ihre Kriege andauernd gewannen. So durfte man gleich doppelt Trost verspüren: sich mit den Siegern identifizieren und gleichzeitig ein wenig Schuld ablassen. Schau her, wie toll doch diese Juden sind - so furchtbar kann es also nicht gewesen sein, was wir ihnen angetan haben. Kishon schrieb sich in das schlechte Gewissen der Deutschen hinein, brachte sie aber nicht zum Leiden, sondern zum Lachen. Er wurde, wie er selber sagte, zum Lieblingsautor der Nachkommen meiner Henker.

Nach dem Sechstagekrieg aber drehte sich der Wind. Jetzt waren die Juden ein wenig zu stark und zu frech. Ganz rechts und ganz links begann man sie mit den Nazis zu vergleichen - Die tun doch den Palästinensern an, was wir ihnen angetan haben. In diese Seelenlage wollte der glühende Zionist und Nationalist nicht mehr hineinpassen, und so verschwand die Kishon-Verehrung aus den deutschen Buchläden. Trotzdem werden Warten auf Nebenzahl und Blaumilchkanal unsterblich bleiben. Kishon, 1924 als Hoffmann in Budapest geboren, 1944 dem Holocaust entkommen, starb im Alter von 80 Jahren in der Schweiz.